Mensch sein? Zwei Uraufführungen über unsere Zukunft
Shownotes
Was bleibt vom Menschsein, wenn Schmerz verschwindet? Und wie verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn die digitale Welt wichtiger wird als die reale? Mit Passion of the Common Man und Yum bringen die Bregenzer Festspiele zwei außergewöhnliche Uraufführungen auf die Werkstattbühne, die zentrale Fragen unserer Zeit aufgreifen – mal philosophisch, mal satirisch, immer überraschend.
In dieser Folge von Hör-Spiele sprechen Moderatorin Maria Gnann und Chefdramaturgin Anke Rauthmann über die beiden neuen Musiktheaterwerke von Daniel Bjarnason und Wen Liu, die zwischen Dystopie, Virtualität und der Suche nach dem Menschlichen neue Opernwelten eröffnen.
Mit: Maria Gnann (Moderation) Anke Rauthmann (Chefdramaturgin der Bregenzer Festspiele)
Dauer: 30 Minuten 30 Sekunden Veröffentlichung: 18. Juli 2026
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00:00:03: HÖR-SPIELE. Ein Podcast der Bregenzer Festspiele.
00:00:19: [Maria Gnann] Anke, bist du jemand, der sich in Melancholie und in zumindest leichtem Schmerz auch mal so richtig suhlen kann?
00:00:27: [Anke Rauthmann] Ja, na klar, natürlich.
00:00:29: Gerade in der Musik ist Schmerz teilweise ja was Wunderschönes und Schmerz ist natürlich ein Aspekt des Menschseins.
00:00:36: Schmerz gehört zum Menschsein dazu, genauso wie Freude.
00:00:39: Diese Balance brauchen wir,
00:00:40: wenn wir nur im Schmerz sind, dann ist es natürlich entsetzlich.
00:00:43: Es ist ein Grauen, das Leben, aber wenn wir immer nur fröhlich sind, immer nur mega glücklich und nicht auch den Schatten oder die andere Seite kennen, dann ist das Leben auch eintönig.
00:00:56: [Maria Gnann] Wie sähe eine Welt aus ohne Leid?
00:01:00: Darum geht es in dem neuen Musiktheaterstück von dem isländischen Komponisten Daniel Bjarnason, "Passion of the Common Man" heißt das Werk und es wird in diesem Sommer bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt.
00:01:13: Liefert es eine schöne Vision einer hocheffizienten sorgenfreien Zukunft, oder ist es eher eine Dystopie?
00:01:23: Wir werden sehen.
00:01:23: Definitiv eine Dystopie
00:01:25: malt die zweite Uraufführung dieser Saison, "YUM!" von der chinesischen Komponistin Wen Liu.
00:01:31: Hier verschwimmen die Grenzen zwischen realer und digitaler Welt. Und ich glaube man kann sagen, ein solches fancy Dinner hat man noch nicht erlebt.
00:01:40: Um beide neuen Werke geht es in dieser Folge.
00:01:42: Ganz herzlich willkommen dazu.
00:01:44: Mein Name ist Maria Gnann und ich spreche mit der Chefdramaturgin der Bregenzer Festspiele: Anke Rauthmann.
00:01:49: Schön dass du dabei bist und schön das Sie uns zuhören. [Musik]
00:02:21: "Kommt ihr Töchter, helft mir klagen."
00:02:24: Das ist der Beginn der wohl berühmtesten Passion der Welt, die "Matthäus-Passion" von Johann Sebastian Bach, uraufgeführt im Jahr 1727, natürlich am Karfreitag, dem Tag, an dem in christlicher Tradition dem Leiden und Sterben Jesu gedacht wird.
00:02:41: Und jetzt,
00:02:42: ziemlich genau dreihundert Jahre später kommt der isländische Komponist Daniel Bjarnason, nimmt sich die Struktur von Bachs Passion und macht daraus eine weltliche Passionsgeschichte: "Passion of the Common Man".
00:02:55: Also Leidensgeschichte oder Leidenschaft, je nachdem wie man das übersetzen möchte, des gewöhnlichen Mannes.
00:03:01: Wie Bach schafft er ein erzählendes Werk für Solisten, Chor und Orchester in dem er sich mit den menschlichen Leiden befasst aber ganz anders als man das von Bach kennt.
00:03:11: Wie macht er das, Anke?
00:03:13: Erzähl.
00:03:13: [Anke Rauthmann] Es wird tatsächlich in einer, naja, in einer sehr futuristischem Welt, in der wir uns befinden in dieser Passion,
00:03:21: das Leid komplett, oder überhaupt alles was unangenehm ist, komplett eliminiert sein.
00:03:28: Es ist etwas, was der isländische Komponist zusammen mit dem Librettisten Royce Vavrek gemeinsam entwickelt hat.
00:03:34: Die haben wirklich zusammen gearbeitet.
00:03:37: Das ist ja auch ein Auftragswerk gewesen von unserer Intendantin; Auftragswerk der Bregenzer Festspiele und diese Welt ist im Prinzip ein Entwurf von etwas, was zunächst mal wunderbar klingt.
00:03:49: Es gibt kein Leiden mehr, es gibt keinen Schmerz mehr. Es gibt keine Probleme mehr!
00:03:53: Alles ist Freude und Lust.
00:03:55: Das singt auch der Chor, der singt immer über joy, alles ist joy!
00:03:59: Und trotzdem bleibt eine Sehnsucht zurück, nach dem, was eigentlich Lebendigkeit bedeutet. Denn die Lebendigkeit ist nicht mehr da, alles ist digital, virtuell.
00:04:10: Die Menschheit ist sozusagen anästhesiert, so stark, dass sie auch das Fühlen in diesem Sinne verlernt hat.
00:04:17: Und der Chor ist in diesem Ritual —
00:04:21: diese Passion ist ein bisschen wie im Ritual —
00:04:23: der Chor ist Publikum und gleichzeitig Zeuge und gleichzeitig auch ein bisschen Richter über das was passieren wird, nämlich dass eine Person auserwählt wird, als Stellvertreter für diese in Freude und Schmerzlosigkeit lebende Gesellschaft eben diesen Schmerzen zu fühlen.
00:04:44: Vielleicht erstmal so viel?
00:04:46: [Maria Gnann] Ja, was ich auch ganz interessant finde, du hast ja gesagt der Chor singt immer von joy, Freude.
00:04:52: aber wenn man sich das Libretto anschaut, dann heißt es ja auch an einer Stelle dass diese joy nicht zu verwechseln ist mit der joy von früher sag' ich mal, weil es eher so ein angenehmes Wohlgefühl und alle sehr starken Emotionen scheinen ja wirklich gedeckelt zu sein.
00:05:08: Also man lebt in einer wahrscheinlich wie so einem angenehmen Nebel, so könnte man das vielleicht beschreiben.
00:05:15: [Anke Rauthmann] Oder wie ein Watte gepackt, kann man auch sagen.
00:05:18: [Maria Gnann] Ja, gefällt mir sehr gut!
00:05:20: [Anke Rauthmann] Das ist natürlich auch, kann man sich vorstellen, es ist dumpf.
00:05:23: Es hat nichts zu tun mit einem lebendigem, akuten Gefühl oder einer Wahrnehmung, einer Sinneswahrnehmung. Also die Sinneswahrnehmungen sind eigentlich betäubt.
00:05:32: [Maria Gnann] Ja.
00:05:33: Du hast gesagt, es ist eine ganz enge Zusammenarbeit gewesen des isländischen Komponisten Daniel Bjarnason mit dem Librettisten Royce Vavrek, ein Kanadier, Pulitzerpreisträger und einer der gefragtesten Autoren für zeitgenössisches Musiktheater überhaupt.
00:05:49: Welche Musik schafft Daniel Bjarnason zu diesem Text?
00:05:54: [Anke Rauthmann] Also die Musik ist komponiert für ein kleines Orchester, so um fünfzehn Personen, für einen Chor, vom Bayerischen Rundfunkchor wird es dann gespielt, und hat eine Musik die sozusagen so sphärische, schwebende Momente hat
00:06:09: und auch immer wieder mit Elektronik arbeitet.
00:06:13: Die Musik per se hat nichts mit Bach zu tun.
00:06:15: Er hat jetzt nicht wirklich Bachstrukturen aufgenommen, aber ich glaube diese Spiritualität, die bei Bach natürlich auch entsteht, die hat er versucht aufzugreifen durch viele Wellenbewegungen, die in der Musik spürbar werden,
00:06:31: durch einen starken Chor und natürlich diese Struktur der vier Hauptrollen, Hauptpersonen.
00:06:39: Und da kann man vielleicht dann tatsächlich nochmal einsetzen,
00:06:43: es ist also ein Mezzosopran, Sopran, Tenor und Bariton.
00:06:47: Der Tenor ist der sogenannte Stellvertreter, also quasi Jesus Christus in dieser Welt.
00:06:54: Die Sopranistin sind eine Art Ersatz, The Alternate wird sie genannt.
00:07:00: Dann gibt es den Companion, der ist eigentlich der Bariton, der dem tatsächlich beistehen wird.
00:07:06: Und dann gibt es vor allen Dingen The Master of Ceremony: Das ist die Zeremonienmeisterin, gesungen von Anne Sofie von Otter, Mezzosopran. Und, ja die Mezzosopranistin führt eben als quasi Evangelistin — wird hier nicht so genannt, sondern Master of Ceremony — durch diese Zeremonie.
00:07:29: [Maria Gnann] Bei Bach ist die Rolle des Evangelisten ja immer sehr faszinierend.
00:07:33: Also der Text ist ziemlich neutral, die Musik aber, die diesen Evangelisten begleitet, die zielt darauf ab nicht nur zu berichten, sondern den Hörer wirklich auch emotional einzubinden.
00:07:44: Würdest du sagen
00:07:44: da gibt es Parallelen bei Bjarnsons Zeremonienmeisterin?
00:07:47: [Anke Rauthmann] Ja, ganz klar.
00:07:48: Da gibt es absolut Parallelen und es ist auch nicht umsonst mit so einer großartigen Sängerin besetzt, diese Rolle, weil die steht wirklich in Zentrum.
00:07:55: Alle anderen Sänger sind noch jünger.
00:07:57: Es ist einfach eine Figur, die auch ein bisschen zwiespältig ist, eben auch ein bisschen manipulativ.
00:08:04: Sie versucht auch, dass dieses Ritual wirklich passieren wird.
00:08:08: Vielleicht auch eine große Priesterin, ja, die das ganze anleitet.
00:08:13: Das ist insgesamt auch sehr spannend.
00:08:16: Also dieses Stück bringt unglaublich viele Assoziationen, viele Inspirationen mit.
00:08:23: Und ich bin extrem gespannt, wie das Publikum das auffasst und was es für Gespräche hinterhergeben wird.
00:08:27: Das sage ich jetzt schon mal.
00:08:30: [Maria Gnann] Cool!
00:08:30: Bachs Passionen werden ja in der Regel nicht inszeniert.
00:08:33: Es sind eben Oratorien die sich von der Oper nicht nur in der geistlichen Ausrichtung unterscheiden, sondern eben auch darin, dass sie nur konzertant aufgeführt werden. Bei "Passion of the Common Man" gibt es aber eine Regisseurin, Netia Jones, die stellvertretende Leiterin der Oper an der Royal Opera in London.
00:08:50: Also es wird was auf der Bühne passieren, Anke.
00:08:54: [Anke Rauthmann] Ja, also die Oratoriumsstruktur wird sozusagen vom Bühnenaufbau beibehalten, das ganze Libretto und so weiter.
00:09:02: Es hat ja auch eine strenge Form, das übrigens auch ein bisschen Ähnlichkeiten hat mit Bachs Passionen.
00:09:07: Und diese strenge Form, und dieses oratoriumshafte wird es auch auf der Bühne geben.
00:09:12: Das heißt, wir haben den Chor, der auf einem Podest hinter dem Orchester steht.
00:09:18: Und vorne sind eben diese vier Protagonisten in Kästen über denen es auch Leinwände gibt, wo Projektionen sichtbar werden,
00:09:27: Projektionen zum Beispiel von einer Welt, wie sie mal war, wie wir sie kennen.
00:09:31: Und das Ganze ist aber insofern extrem abgespaced, sage ich jetzt mal, weil alles komplett steril wirkt und ein Weiß gehalten ist.
00:09:39: Und man hat das Gefühl, diese Welt hat nichts mehr zu tun mit Erde, mit Dreck oder mit einer Sinnlichkeit, wie wir sie kennen.
00:09:47: Das ist eigentlich wie eine Art Laboratorium und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, wird man — tatsächlich ganz physisch — echte Salatpflanzen drumherum in dieses Bühnenbild integrieren, die mit Nährlösungen und künstlichem Licht sozusagen wie in einem Gewächshaus gezogen werden.
00:10:07: Und das ist wovon die Menschheit sich dann sauerstoffmäßig und überhaupt ernähren wird.
00:10:12: [Maria Gnann] Klingt super spannend, aber auch ein bisschen beängstigend.
00:10:15: Also im Grunde enthält es ja doch schon eine Wertung, würde ich sagen, dass es eher abschreckend wahrscheinlich für den Betrachter oder die Betrachterin wirkt,
00:10:23: diese sorgenfreie Welt, oder was meinst du, Anke?
00:10:26: [Anke Rauthmann] Ich denke das ist auch ein bisschen diese Strenge, die da drin ist.
00:10:32: Zeigt ja auch, dass es keine Freude ist wo jeder sich selbst ausleben kann, sondern eigentlich ist die Menschheit zu so einem gemeinsamen Korpus zusammengewachsen und existiert in einer sehr klar definierten Gemeinschaft.
00:10:46: Und trotzdem ist eine Unzufriedenheit in dieser Menschheit da, weil sie Sehnsucht haben nach Schmerz.
00:10:54: Warum brauchen sie das?
00:10:55: Warum wollen sie jemanden nehmen der dann stellvertretend für alle dieses Gefühl von Schmerz erlebt?
00:11:02: Und dann kommt was Interessantes ins Spiel:
00:11:05: Das Ganze ist wirklich aufgebaut wie so eine, ich sage jetzt mal wie so eine öffentliche Hinrichtung. Haben wir ja auch... der Kreuzweg Jesu' ist ja auch eine öffentliche Hinrichtung gewesen.
00:11:14: Das heißt, wir werden quasi zusammen mit dem Chor Zeuge eines freiwilligen Sterbens. Also es ist nicht völlig klar was passiert.
00:11:25: Aber was klar sein wird, ist dass diese Person, die ausgewählt ist, der Tenor, dass er voller Stolz, aber auch mit Sorge rausgeht
00:11:35: aus diesem
00:11:37: Wattebausch und dann immer mehr entkoppelt wird Sicherheitsraum und hineingeht in eine Welt, in der aber Leben eigentlich fast gar nicht mehr möglich ist.
00:11:49: Weil es kaum noch Sauerstoff gibt auf der Erde und alles irgendwie toxisch.
00:11:52: Das ganze spielt schon vor so einem Hintergrund das eine Katastrophe stattgefunden haben könnte.
00:11:59: Und der Chor wird zu einer archaischen Kraft die auch fast ein bisschen sensationsgeil
00:12:06: guckt:
00:12:06: Was passiert jetzt?
00:12:07: Was passiert denn jetzt?
00:12:10: Was ist denn Schmerz? Wie fühlt sich das denn an? Das ist, glaube ich, ein Moment der auch spannend wird und auch ein bisschen es vielleicht... uns vielleicht auch so ein bisschen schaudern lässt.
00:12:19: [Maria Gnann] Ja, ich finde die Frage total interessant.
00:12:21: Also man sehnt sich ja doch immer nach einem sorgenfreien Leben, Menschen, die natürlich nicht hungern müssen oder so – das ist ja dort auch ein Szenario,
00:12:30: es gibt ja genug Nahrung — einfach kein Leid auf dieser Welt zu haben ist ja schon oft so der Wunsch
00:12:36: und gleichzeitig, was würde das in der Konsequenz bedeuten?
00:12:41: Wie viel anderes Gefühl gibt es überhaupt wenn Leid oder Schmerz da sind?
00:12:48: Verlieren dann auch alle anderen Gefühle an Bedeutung?
00:12:51: [Anke Rauthmann] Natürlich ist es jetzt kein Plädoyer dafür, dass man das Leid auf der Welt irgendwie akzeptiert und so.
00:12:55: Aber ich denke, das ist eher sehr persönlich gedacht.
00:12:58: Was bedeutet es für uns, wenn wir uns Dingen nicht mehr aussetzen?
00:13:03: Schmerz hat ja auch eine Bedeutung.
00:13:05: Der Körper gibt ein Signal – das ist wichtig!
00:13:07: Schmerz kann ja auch manchmal ein heißes Gefühl sein.
00:13:09: So ein unmittelbarer Schmerz kann einen auch sehr lebendig fühlen lassen.
00:13:13: Auch der Verlust eines Menschen oder Trennungsschmerz lässt einen extrem lebendig fühlen und ich denke das ist das, dass wir zunehmend entkoppelt sind von unserer Menschlichkeit,
00:13:25: von unserem menschlichen Sein,
00:13:27: und wenn wir nicht wissen was Schmerz ist, können wir auch keine Empathie mehr empfinden,
00:13:31: können wir auch nicht mehr anderen Menschen helfen.
00:13:33: Alles was um uns herum ist, das Digitale, wir betäuben uns mit Schmerzmitteln.
00:13:40: Wir betäuben uns mit Informationsinput und mit Essen, mit Alkohol, mit so vielen Dingen.
00:13:49: Manchmal ist es einfach gut zu realisieren ja das ist schmerzhaft!
00:13:53: Das tut weh.
00:13:54: Aber wenn ich den erlebe, dann kann ich da auch drüber hinaus wachsen und vielleicht auch wieder umso mehr das Leben schätzen und genießen, und in den wunderbaren Momenten
00:14:06: und in den freudvollen Momenten auch die Freude in ganz purer Kraft erleben.
00:14:10: Ich denke das ist gekoppelt, definitiv!
00:14:12: Das ist auch, denke ich, eine der Grundaussagen dieses Stücks.
00:14:16: [Maria Gnann] Was ich sehr interessant finde, dass Werk wird auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspielhaus aufgeführt.
00:14:22: [Anke Rauthmann] Richtig!
00:14:22: [Maria Gnann] Das
00:14:22: ist ja auch ein ganz besonderer Raum, weil dieser Raum eigentlich alles kann, also wie ne Blackbox die die Machenden dann anverwandeln können.
00:14:31: Es gibt eigentlich keine festen Elemente erstmal, wie Zuschauerreihen oder eine feste Bühne, wobei es jetzt in diesem Fall ja dann doch eher klassisch aufgebaut sein wird,
00:14:41: richtig?
00:14:42: [Anke Rauthmann] Ja, natürlich.
00:14:42: Du hast eine klassische Zuschauer-Situation
00:14:46: mit vorne steht die Bühne sozusagen.
00:14:48: Aber dennoch wird sicherlich dieses weiße — auch der Boden wird weiß sein drumherum und dann diese seltsamen mit Nährlösung gefütterten Salate — eingebaut.
00:14:59: Das wird schon auch ein besonderes Erleben sein!
00:15:01: Also es ist keine klassische Bühnen mit Proszenium und so, sondern es ist einfach einfach auch ein Raum in den man hineinkommt.
00:15:06: [Maria Gnann] 1998 wurde diese Werkstattbühne eröffnet — schon relativ lange her — als dritte Spielstätte der Bregenzer Festspiele, mit einer szenischen Uraufführung der Oper "Nacht" von Georg Friedrich Haas,
00:15:20: also auch ein zeitgenössischer Komponist.
00:15:21: War das das allererste zeitgenössische Musiktheaterwerk in Bregenz?
00:15:26: [Anke Rauthmann] So weit ich weiß, ja.
00:15:27: Ich habe das sogar vor langen Jahren miterlebt.
00:15:30: Und die Werkstattbühne ist entstanden ursprünglich... also sie hat ja eine Doppelfunktion.
00:15:34: Eine Funktion der Werkstattbühnen ist auch dass sie ermöglicht bei sehr, sehr schlechtem Wetter auch drinnen die Sehbühnenproduktion zu proben.
00:15:44: Weil die Dimension in der Werkstatt-Bühne sind enorm, es ist wie ein riesiges Filmstudio.
00:15:48: Es ist sehr hoch, es ist sehr weit, es ist sehr groß.
00:15:50: Das heißt man kann im Prinzip die Dimensionen der Bühne abkleben, der Seebühnenproduktion, und dort zumindest ansatzweise auch szenisch proben.
00:15:59: Das war einen Grund warum man das geschaffen hat
00:16:02: und dann natürlich der zweite Grund ist; man hat so einen tollen Raum,
00:16:05: lasst uns damit was experimentelles machen.
00:16:08: Lass uns etwas machen, wo wir keine typische Bühne brauchen.
00:16:12: Wo wir vielleicht auch mit kleineren Orchesterbesetzungen arbeiten und warum nicht dann auch die Chance nutzen, experimentelle, spannende und neue Werke in die Welt zu bringen?
00:16:24: Und das gehört eigentlich zu dieser Bregenzer Dramaturgie dazu, dass man Uraufführungen macht und auch Werke in Auftrag gibt.
00:16:32: Ich finde ist eine große Verantwortung für ein internationales Festival, neue Musiktheaterproduktionen, neue Musiktheaterformen auch in die Welt zu bringen.
00:16:42: Und dieser Verantwortung werden wir gerne gerecht.
00:16:45: [Maria Gnann] Glauben Sie nicht, dass die Oper nicht verrückt sein kann.
00:16:47: bei den Bregenzer Festspielen gibt es in diesem Jahr ja noch eine zweite Uraufführung zu erleben und das ist wirklich crazy würde ich sagen.
00:16:56: "YUM!" von der chinesischen Komponistin Wen Liu, die lebt seit 2005 in Wien und sie verbindet Oper, Performance Art und Extended Reality, also erweiterte Realität, sprich Technologien, die physische und digitale Welten verschmelzen.
00:17:13: Wie können wir uns das bei "YUM!" vorstellen?
00:17:15: Wie zeigt sich die Werkstattbühne da?
00:17:18: [Anke Rauthmann] Ja, "YUM!" ist eigentlich eine Kritik, oder eine sehr unterhaltsame Kritik, auf unsere Social Media Kultur, dass ganz viel eigentlich nur existiert, wenn es auch irgendwie virtuell existiert.
00:17:31: Also was ich nicht gepostet habe gibt es nicht so, mal ganz blöd gesagt!
00:17:35: Wir werden als Publikum eingeladen teilzunehmen an einem sehr elitären Dinner bei einer quasi Influencerin, einer Dame, Madame D heißt sie, Madame D.
00:17:50: Und da sind auch nicht beileibe alle eingeladen, sondern man darf sich auserwählt fühlen und das wird natürlich alles dann gleich gepostet.
00:17:57: Man wird auf dem roten Teppich hier und da fotografiert und dieses Dinner ist sehr extrem, weil alles was serviert wird nicht echt ist.
00:18:06: Wir erleben dieses Essen sozusagen durch eine VR-Brille oder unser Handy als die großartigsten Köstlichkeiten und Delikatessen: Hummer, Kaviar, Austern aus dem fernen Australien.
00:18:23: Also wirklich ganz, ganz rare Köstlichkeiten, die es teilweise gar nicht mehr gibt oder demnächst auch nicht mehr geben wird, weil sie ausgestorben sind.
00:18:32: Das aber nur virtuell,
00:18:33: was sie tatsächlich essen, ist einfach eine Art Gelee. Und das ist aber nicht wichtig weil eigentlich ist eben dieses Virtuelle, was wir zeigen von uns,
00:18:44: was wir künstlich mitbekommen, wichtiger als das, was analog real ist.
00:18:50: Und da steckt noch die ganze Kritik der Oper drin.
00:18:52: [Maria Gnann] Das heißt
00:18:53: es geht gar nicht wirklich um den Geschmack, sondern um das, was ich der Außenwelt zeige, also ein Foto. Da sieht man ja den Geschmack, oder bekommt man den Geschmack
00:19:01: nicht.
00:19:01: Das erklärt natürlich auch den Namen "YUM!" wie Lecker oder Mjam auf Deutsch.
00:19:06: Ja, lecker ist dann doch offenbar wenig.
00:19:10: Es heißt auch an einer Stelle "der Geschmack von Ozean" oder "der Geschmack von Wald", "souvenir de forêt".
00:19:15: Da hab ich mich tatsächlich ein bisschen an auch Bjarnasons Text erinnert gefühlt, dass man quasi so eher in Vergangenheitsform spricht, also "souvenir de forêt", also Erinnerung eines Waldes, klang für mich dann auch schon eher nach etwas, was man sich vielleicht herbeisehnt,
00:19:32: also einen Geschmack von Wald.
00:19:35: [Anke Rauthmann] Ja,
00:19:35: genau.
00:19:36: Also eigentlich ist es auch wieder eine Oper, die tendenziell in so einer etwas futuristischen, dystopischen Welt spielt, wo vielleicht schon vieles passiert ist, leider, und es verwebt eben auch digitale Propaganda und Social Media-Ästhetik mit wirklich ganz klarer Groteske und Satire.
00:19:58: Und das ist ein Hybrid zwischen dem Analogen, zwischen Mixed Reality und künstlicher Intelligenz, die wir da vor uns sehen.
00:20:07: Es wird überfordern!
00:20:08: Es wird wahrscheinlich alle Sinne fordern – so wie wir ja auch oft überfordert sind von den Informationsfluten, die uns digital ereilen.
00:20:18: So wird dieses Stück uns ganz bewusst
00:20:20: überforderen.
00:20:21: [Maria Gnann] Ich habe auch gelesen, dass einige Publikumsmitglieder auserwählt werden, um an diesem extraordinären, exklusiven Dinner teilzunehmen.
00:20:29: [Anke Rauthmann] Ja genau, also das Bühnenbild ist vor allen Dingen ein großer Tisch. Auch da so eine gewisse Analogie an das Abendmahl, vielleicht so bisschen religiös.
00:20:38: Ein großer Tisch an den Madame D eben einlädt und das zelebriert, dieses Dinner, und an diesem Tisch nehmen acht Personen aus dem Publikum teil.
00:20:47: Natürlich ist es jetzt ein bisschen ein Prozess.
00:20:49: Sie werden im Vorfeld ausgewählt, wir haben eine Ausschreibung und diese acht Personen dürfen sich dann wirklich auserwählt fühlen.
00:20:57: Und das ist auch Teil des Konzepts in dem man sagt, es gibt so ne Klassengesellschaft.
00:21:00: Warum
00:21:00: haben bestimmt Personen einen Vorrecht gegenüber anderen.
00:21:04: Die erleben es natürlich ein bisschen anders, im Prinzip das Gleiche, aber ein bisschen anderes, weil sie eben Teil dieser Gemeinschaft sind.
00:21:12: [Maria Gnann] Also eine doch ziemlich eindeutige Gesellschaftskritik.
00:21:16: Zeigt sich das auch in der Musik?
00:21:17: Das ist ein Werk für fünf Solist:innen, also Sängerinnen und Sänger, nehme ich an, und ein Streichquartett.
00:21:24: [Anke Rauthmann] Genau, also vier Sängerinnen und Sänger und einen Schauspieler, das ist der Butler,
00:21:30: deswegen fünf Personen und das Streichquartett plus auch wieder Elektronik und
00:21:35: AI-Komposition wird auch dabei sein, KI-Stimme wird eine große Rolle spielen.
00:21:41: Definitiv zeigt sich das auch in der Musik.
00:21:44: Die Komponistin Wen Liu ist aus China ursprünglich, hat aber an der MUK in Wien studiert – überhaupt noch mal dazu,
00:21:52: das Ganze ist ja entstanden aus einem Kollektiv die heißen Studio M.A.R.S.,
00:21:57: M.A.R.S. steht für Music - Musik, Art - Kunst, Science - Wissenschaft und Research - Forschung.
00:22:07: Das heißt, dass dieses Studio M.A.R.S. ist ein junges Kollektiv von interdisziplinären Künstler:innen, die sich auf die Fahne geschrieben haben, Musik mit neuen Technologien zu verbinden.
00:22:18: Durchaus nicht nur im Sinne von "Ah das ist ja toll", sondern auch kritisch zu hinterfragen, was machen diese neuen Technologien mit uns?
00:22:26: Und die Komponistin hat sich eigentlich überlegt, weil sie aus einer asiatischen Kultur kommt,
00:22:33: dass tatsächlich da das noch viel stärker ist, dass man alles fotografieren muss, auf Instagram stellen muss.
00:22:39: Man kann also auch das Essen schon gar nicht mehr genießen, weil man alles erst mal fotografiert, in Szene setzt und so weiter, mehr als hier.
00:22:46: Und ihre Musik hat deutlich auch popkulturelle Anklänge.
00:22:51: Aber sie hat sich überlegt, das alles um einen Grundton herum zu strukturieren, nämlich diesen wunderbaren Ton D, deswegen auch Madame D.
00:23:01: Das heißt, da baut sich alles harmonisch drumherum auf.
00:23:05: Auch der Tisch, der übrigens auf der Bühne steht wird diese D-Form haben und D steht für Desire, Dreams, Digital, also steht auch für etwas.
00:23:17: Und dann komponiert sie —
00:23:20: das kommt natürlich aus der chinesischen Kultur — in Vierteltönen.
00:23:24: Deswegen hat sie auch ein Streichquartett genommen und keine
00:23:28: Klavierbesetzung.
00:23:29:
00:23:30: Sie komponiert bewusst in Vierteltönen, was natürlich sehr schwierig ist für uns aus der europäischen Kultur.
00:23:37: Das zu hören klingt immer so ein bisschen off, ein bisschen merkwürdig.
00:23:43: Und diese Merkwürdigkeit setzt sie bewusst ein, dass wir uns nie ganz sicher fühlen, oder das Gefühl haben, irgendetwas stimmt hier nicht.
00:23:52: Wie echt ist das?
00:23:53: Irgendwas sitzt hier nicht so ganz richtig im Sattel, irgendwas ist fake!
00:23:58: Das ist ja auch die Frage:
00:23:59: Was ist echt? Was ist fake?
00:24:01: Was wird uns da eigentlich serviert?
00:24:02: Es kommen dann noch ganz viele andere Aspekte ins Spiel und es geht dann tatsächlich darum, dass Weltnachrichten auf uns einbrechen und wie reagieren wir wirklich oder wie reagieren wir digital, also sind werden sehr spannende Themen verhandelt in diesem Stück.
00:24:16: [Maria Gnann] Und was mir noch zum Streichquartett einfällt, das hat auch etwas sehr Exklusives.
00:24:20: Also es passt ja irgendwie auch zu diesem extraordinären Dinner, dass ein Streichquartett da mit einbezogen wird.
00:24:26: Ja, super Idee!
00:24:28: Denkt man auch an ein Schiff oder so eine Luxusyacht auf der ein Streichquartett eben noch dazu gebucht wird und diesen Anschein der Exklusivität verstärkt.
00:24:38: Die Musik wurde auch noch nie aufgeführt, aber es gibt einen kleinen Trailer, den man sich auf YouTube anschauen kann und ich würde hier einen akustischen Eindruck liefern. [Musik]
00:25:36: Ja, opernartiger Gesang passt natürlich auch super zu dieser Künstlichkeit!
00:25:41: [Anke Rauthmann] Also diese Künstlichkeit ist etwas, was Wen Liu wichtig findet.
00:25:45: Sie nennt das sogar künstliche Authentizität.
00:25:48: Das ist quasi die Ästhetik, die Stilrichtung, die sie da etablieren möchte.
00:25:54: Und ja, man hat ich finde an dem Beispiel auch sehr gut gesehen, dass da so vieles gebrochen wird.
00:25:59: Man hat da so Ansagen oder auch ein bisschen wie ein Werbe-Jingle dabei und dann einen Grundrauschen, was nervös macht, wo man nicht genau weiß, was steckt dahinter?
00:26:10: Dieses ungute oder etwas entfremdete Gefühl, irgendwas passt nicht so wirklich zusammen.
00:26:17: Das ist ihr wichtig.
00:26:18: Also erzeugt Spannung und ein Gefühl von Unheimlichkeit.
00:26:21: [Maria Gnann] Und dazu sieht man also auch in diesem Trailer eben eine bombastische Welt, ganz viel Gold, was ja eben auch glaube ich einfach virtuell dargestellt wird auf Screens.
00:26:32: Man fühlt sich wie in einem etwas übertriebenen
00:26:34: fancy Restaurant, Fische schwimmen aber nicht in echt in einem Aquarium oder so, sondern auch auf einem anderen Screen und Influencer beugen sich eben über ihre Tablets und posten wahrscheinlich das Essen, das aber erst durch die Brille oder durch den Filter zu etwas Erstrebenswertem gemacht wird und ansonsten liegt da wahrscheinlich einfach ein Stück Gelee.
00:27:03: [Anke Rauthmann] Ganz genau.
00:27:03: Und übrigens nochmal zu den Personen; eingeladen sind, außer dem Publikum, die übrigens alle ein bisschen so gekleidet sein sollten wie als ob sie zur Met Gala gehen;
00:27:15: Also das Publikum um Madame D, oder die Personen um Madame D herum sind: eine junge Sängerin, Naira, ein junger Influencer aus gutem Haus, der aber eigentlich ein Selbstbewusstseinsproblem hat, und auch einen Politiker. Also alles Personen, die sich erhoffen ihre Karriere oder ihren Wert, den Mehrwert noch zu steigern, weil sie nun ausgewählt worden sind bei dieser Madame D am Dinner teilzunehmen.
00:27:41: Und die sich quasi gegenseitig übertrumpfen an diesem Abend, wie toll sie sind und wie viele Follower sie haben. Das Ganze, kann man sich ja vielleicht auch vorstellen, wäre kein musikdramatisches Stück, wenn es dann nicht auch irgendwann kippen würde.
00:27:54: Aber mehr möchte ich nicht verraten.
00:27:56: [Maria Gnann] Ja, es klingt auf jeden Fall wie ein Spektakel
00:27:59: das zwar einerseits natürlich zur kritischen Reflexion anregt über diese digitale Welt oder vor allem Social Media, was das mit uns macht, aber ich finde es wirkt auch so als könnte man eben immer wieder darüber lachen, weil es eben so überzogen ist und so skurril wirkt
00:28:15: und so komplett drüber.
00:28:18: Das ist vielleicht auch ein Unterschied zu dem Werk von Daniel Bjarnason.
00:28:24: Die Lust an der Satire sehe ich auf jeden Fall bei Wen Liu.
00:28:27: [Anke Rauthmann] Das stimmt. Also es wird sicherlich einige Dinge geben, die sehr, sehr witzig sind und wo wir uns auch selbst erkennen, oder wo wir auch, sagen wir mal diese Extreme und die Überzeichnung des Digitalen auch miterleben können.
00:28:41: Und es macht auch Spaß, ich bin ja tatsächlich als Dramaturgin relativ eng dran am Team.
00:28:46: Seit September bin ich mit dabei und das macht auch sehr, sehr großen Spaß, das ein bisschen mit auf den Weg gebracht zu haben.
00:28:54: Also allein das Libretto und Wen Liu ist natürlich auch eine sehr inspirierende Person, die voller Ideen steckt, so ein Powerhouse.
00:29:05: Da war es manchmal sogar notwendig zu sagen, "Hey, jetzt müssen wir das mal so ein bisschen festzurren."
00:29:10: Aber da stecken wirklich sehr viele Ideen drin und es macht Spaß muss ich sagen.
00:29:16: [Maria Gnann] "YUM!" von Wen Liu. Carmen Kruse inszeniert und das Werk ist ein Projekt des Studio M.A.R.S. aus Wien — ein junges, internationales Kollektiv mit Expertise in Musiktheater, Medienkunst und immersiven Technologien. Zu erleben am 20. und am 22. August bei den Bregenzer Festspielen.
00:29:37: Außerdem zum ersten Mal zu sehen und zu hören "Passion of the Common Man", eine weltliche Passionsgeschichte von Daniel Bjarnason, am 31. Juli und am 1. August auf der Werkstattbühne im Festspielhaus in Bregenz.
00:29:52: Weitere Informationen wie immer zu finden unter bregenzerfestspiele.com.
00:29:57: Ganz herzlichen Dank fürs Zuhören!
00:29:59: Und dir Anke vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.
00:30:02: Mein Name ist Maria Gnann und ich wünsche allen da draußen eine fantastische Festspielsaison.
00:30:07: [Anke Rauthmann] Dankeschön.
00:30:18: [Musik]
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