Die Ausflüge des Herrn Brouček: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Shownotes

Leoš Janáčeks Die Ausflüge des Herrn Brouček ist eine der ungewöhnlichsten Opern des 20. Jahrhunderts. Zwischen Mondreise, Zeitreise und bissiger Gesellschaftssatire hält das Werk seinen Figuren – und letztlich auch uns selbst – den Spiegel vor. Mit seiner einzigartigen Musiksprache und seinem skurrilen Humor zählt es zu den faszinierendsten, aber selten gespielten Werken des Komponisten.

In dieser Folge von Hör-Spiele sprechen Moderatorin Maria Gnann und Chefdramaturgin Anke Rauthmann über Janáčeks außergewöhnliche Oper, ihre musikalischen Besonderheiten und die Inszenierung von Yuval Sharon, die den Blick auf ein Werk richtet, das bis heute überraschend aktuell geblieben ist.

Mit: Maria Gnann (Moderation) Anke Rauthmann (Chefdramaturgin der Bregenzer Festspiele)

Dauer: 29 Minuten Veröffentlichung: 18. Juli 2026

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00:00:03: [Musik]

00:00:18: [Maria Gnann] Wunder und Weltentaumel.

00:00:21: Diese Oper ist verrückt, ein Traumspiel!

00:00:24: Satire konterkariert alles und jeden. Fantasten, Helden, spießige Bürger.

00:00:29: "Die Ausflüge des Herrn Brouček" von dem tschechisch-mährischen Komponisten Leoš Janáček.

00:00:37: Was das Werk so besonders macht und wie man in Bregenz damit umgeht, das können Sie in dieser Folge erfahren.

00:00:43: Mein Name ist Maria Gnann und ich spreche wie immer mit der Chefdramaturgin Anke Rauthmann.

00:00:47: Herzlich willkommen!

00:00:48: [Anke Rauthmann] Hallo Maria! [Musik]

00:01:03: [Maria Gnann] Ja, zart und munter, ein bisschen verträumt, scheinbar harmlos beginnt diese Oper.

00:01:09: Aber lassen sie sich nicht täuschen – der Komponist dieser Oper, Leoš Janáček, hat es faustdick hinter den Ohren. 1854 geboren, 1926 gestorben, war er Zeitgenosse von Komponisten wie Peter Tschaikowsky, Antonín Dvořák, Giacomo Puccini, Claude Debussy und Gustav Mahler.

00:01:27: Aber er hat auch noch Arnold Schönberg erlebt und Paul Hindemith.

00:01:30: Also, er markiert wirklich den Übergang von der Romantik zur Moderne, klingt trotzdem vollkommen eigen,

00:01:37: und jetzt komme ich zum Faszinierenden an Janáček: Je älter er wurde,

00:01:40: desto progressiver und verrückter klang seine Musik.

00:01:45: Der hat als alter Herr also nochmal einen richtigen Frühling erlebt, könnte man sagen.

00:01:48: Und auch "Die Ausflüge des Herrn Brouček",

00:01:50: diese Oper, ist entstanden in Janáčeks letztem Lebensdrittel.

00:01:54: Anke, das Orchester, wir haben's schon ein bisschen gehört, klingt unglaublich farbenreich und wechselhaft, wie ein Chamäleon – surreal.

00:02:02: Was würdest du sagen, ist noch typisch Janáček?

00:02:06: [Anke Rauthmann] Ja, also Janáček nimmt ja wirklich in der Musikgeschichte eine singuläre Position ein.

00:02:11: Er ist ganz besonderer Komponist und was ihn vor allen Dingen besonders macht, ist der Umgang mit der Sprache, mit der Sprachmelodie.

00:02:18: Seine Muttersprache ist tschechisch, er kam aus Mähren, aber das Tschechische ist die Sprache in der er komponiert hat und er war dafür bekannt, dass er die Sprachmelodien im Alltag notiert hat und aufgeschrieben hat, also Marktgeschrei, Dialogfetzen, Kneipengespräche ...

00:02:37: Er hat die Melodie sozusagen, die Sprachmelodie, notiert und daraus dann seine Opern komponiert.

00:02:43: Und das ist etwas, was ihn extrem besonders macht.

00:02:45: Er war davon überzeugt, dass die Wahrheit eines Menschen sich in der Melodie seiner Stimme zeigt.

00:02:52: Das bringt er in seinen Werken rüber, insbesondere seit "Jenůfa" und danach eben auch "Die Ausflüge des Herrn Brouček".

00:03:00: Das macht es extrem lebendig!

00:03:02: Es ist wirklich wie Alltag, das macht es sehr besonders.

00:03:06: [Maria Gnann] Bei welcher Rolle würdest du sagen, hört man das am meisten

00:03:08: in diesem Stück, bei der Hauptfigur Herrn Brouček?

00:03:11: [Anke Rauthmann] Definitiv.

00:03:12: Also, ich finde da sieht man ganz klar diesen sehr gemächlichen Spießbürger, der eigentlich am liebsten sein Bier trinkt.

00:03:21: Ganz klar, aber eigentlich bei allen Figuren spürt man das.

00:03:23: Da gibt es keine Ausnahme.

00:03:26: [Maria Gnann] Dann lass uns doch eine kurze Sequenz hören von diesem Herrn Brouček, wie das so wirkt. [Musik]

00:03:51: [Anke Rauthmann] Ich finde das hört man sehr gut, diese Sprachmelodie, die mal nach oben, nach unten geht. Und im Orchester finde ich, hört man auch sehr klar diese Mischung aus einerseits noch verankert in der Spätromantik, aber schon avantgardistisch. Das ist schon sehr schön zu hören.

00:04:07: [Maria Gnann] Ja,

00:04:07: absolut!

00:04:07: Das ist der Moment übrigens gewesen, an dem Herr Brouček sich plötzlich auf dem Mond wiederfindet.

00:04:14: Und damit sind wir beim Inhalt, denn untypisch an dieser Oper für Janáček ist die Geschichte.

00:04:20: Vielleicht, Anke, kannst du uns einmal eine kurze Zusammenfassung der Oper geben?

00:04:24: "Die Ausflüge des Herrn Brouček".

00:04:25: Worum geht's? 

00:04:30: [Anke Rauthmann] Das Werk basiert auf den Romanen von Svatopluk Čech,

00:04:35: das ist ein tschechischer, visionärer Autor gewesen, fast wie eine Art Science-Fiction-Autor.

00:04:39: Immer noch übrigens gehört er zur Schullektüre in Tschechien und der hat diese Figur des Brouček, das Herrn Brouček erfunden.

00:04:45: Brouček heißt übrigens übersetzt Käferchen, also hat so ein bisschen was possierliches, pusseliges.

00:04:51: Und genau, es beginnt mit Herrn Brouček, der ein Hausbesitzer ist in Prag und sein Bier und sein gutes Essen über alles liebt und alles was darüber hinausgeht

00:05:02: Idealismus, Kunst findet er irgendwie unnötig und lächerlich.

00:05:06: In seinem Haus leben auch noch zwei andere Menschen, und zwar die junge Malinka, eine sensible Frau, die schwärmt für Mazal, einem Künstler.

00:05:18: Brouček hat auch ein bisschen ein Auge geworfen auf Malinka, aber weniger aus Liebe, sondern weil er denkt, na ja, die gehört ja sowieso zu mir, die wohnt in meinem Haus, so aus Besitzdenken heraus.

00:05:27: Ja, nach einem wieder mal sehr feuchtfröhlichen Abend in einer Kneipe im Prag, wo er sehr viel Bier getrunken hat, findet er sich auf einmal auf dem Mond wieder.

00:05:36: Es gibt so eine schön komponierte Zwischenspielsequenz, wo er entweder einschläft oder tatsächlich ganz real reist und auf einmal ist der auf den Mond.

00:05:48: Und auf dem Mond begegnet er tatsächlich einer Gesellschaft von ätherischen, wundersamen Wesen ohne irgendwelche Gelüste nach Essen oder nach Sinnlichkeit,

00:06:01: die wirklich sehr wundersam zusammenleben.

00:06:04: Und tatsächlich sind auch die beiden Figuren Malinka, die junge Frau, auf einmal in verwandelter Gestalt wieder da, nämlich als diese Mondgöttin Etherea und auch Mazal ist Sternenfried.

00:06:16: Diese Figuren wandeln quasi um Brouček herum, der überhaupt nicht weiß, wo er sich da eigentlich befindet und eigentlich nur Hunger hat und sein Bier trinken will.

00:06:26: Und er wird als barbarisch und geschmacklos ausgestoßen und kehrt wieder auf die Erde zurück.

00:06:32: Aber es geht weiter mit einem zweiten Ausflug und der führt ihn dann in die Geschichte zurück, nämlich ins Jahr 1420, in die Zeit der Hussitenkriege, wo die Menschen für ihren Glauben gekämpft haben, ein sehr wichtiger Punkt in der tschechischen Geschichte.

00:06:49: Und auch da erscheint ihm Malinka wieder als eine verwandelte Figur, nämlich als junge Frau Kunka, die für ihren Glauben bereit ist zu sterben.

00:06:58: Und Brouček ist immer noch der gleiche, kleine selbstbezogene Mensch, der überhaupt nicht versteht, warum er jetzt bitte kämpfen soll und er versucht sich in einem Bierfass zu verstecken. Als man ihn dann findet

00:07:10: denkt man, er ist ein Verräter und er entkommt im Prinzip knapp einer Bestrafung oder dem Scheiterhaufen und befindet sich dann wieder am Boden der Tatsachen in seinem Prag.

00:07:22: Das ist das Interessante an dieser Oper, dass normalerweise die Hauptfigur eine Metamorphose, eine Katharsis, eine Wandlung durchmacht.

00:07:30: Bei Brouček eben nicht!

00:07:31: Er kehrt zurück, er macht die wahnsinnigsten, fantastischsten Reisen, aber er bleibt der selbstzufriedene, kleine Spießer am Ende.

00:07:39: Die Welt verwandelt sich, alles wird anders, aber der Mensch bleibt oft derselbe mit seinen Beschränkungen, mit seiner Kleinheit.

00:07:48: [Maria Gnann] Also, auf jeden Fall kommt hier Herr Brouček nicht so gut weg, aber auch die beiden Welten, die besucht werden, werden ja auf satirische Weise dargestellt.

00:07:57: Also, man könnte sagen, auf dem Mond begegnet Brouček der Welt der Kunst, die abgehoben erscheint, fern der Realität.

00:08:05: Das ist auf jeden Fall kein Kompliment.

00:08:07: Und auch im 15. Jahrhundert nimmt er ja die Tschechen und ihren Nationalstolz aufs Korn.

00:08:14: Wie gelingt Janáček

00:08:16: die Parodie mit musikalischen Mitteln?

00:08:18: Wie macht er das?

00:08:20: Dazu würde ich gerne eine Musikstelle einblenden aus dem ersten Akt, also auf dem Mond.

00:09:01: [Musik] Vielleicht so weit. Anke, was meinst du?

00:09:09: [Anke Rauthmann] Ja, man hat ja am Anfang diesen Walzer, der so ein typisches Element ist, ein opernhaftes Element, der wirklich auf die Spitze getrieben wird und gleichzeitig gibt es dann eben auch einerseits so Instrumentierungen wie so Glöckchen,

00:09:24: die dann zu dieses ätherische Element hervorheben, aber dann auch sehr tiefe Stimmen als Kontrast dazu und Pauken, die dann ankommen,

00:09:32: also das merkt jeder sofort dass das überhöht ist, dass das ironisiert ist.

00:09:38: [Maria Gnann] Ja, er verplumpt quasi den Walzer, dieses feenhafte Element und macht sich wirklich darüber lustig.

00:09:45: Und das ist wirklich toll, wie ihm das so gelingt.

00:09:47: [Anke Rauthmann] Tatsächlich darf man nicht vergessen, dass es eine hochkomplexe Sprache ist.

00:09:53: Also die Orchestrierung ist wirklich einzigartig.

00:09:55: Es klingt so leicht,

00:09:56: ja dieses dadaistische und komische Element ist in der Musik auch drin, aber es ist wirklich hochkomplex komponiert und gehört auch tatsächlich, das sagen Musikologen, zu dem musikalisch kostbarsten, was er komponiert hat.

00:10:12: [Maria Gnann] Was ich auch irgendwie super fand, wie Janáček das Lachen vertont.

00:10:15: Also es gibt wirklich gerade, im ersten Akt ist mir das aufgefallen, mehrere Stellen an denen er "ha ha ha" in zahlreichen Facetten vertont, was wirklich auch gemein ist, weil er ja... die werden einfach ausgelacht auch von den anderen Figuren stetig. [Musik]

00:10:37: [Anke Rauthmann] Das ist ganz klar, was du da sagst.

00:10:38: Also das ist sehr typisch für diese Art, wirklich genau auf die menschlichen Unzulänglichkeiten zu blicken, aber auch durchaus mit einer liebevollen empathischen Art.

00:10:49: Also es ist auch böse,

00:10:50: ja, 

00:10:50: aber ich denke, dass sich Janáček dann nicht rausnimmt.

00:10:55: Er zeigt nicht mit den Finger auf irgendeine Figur und sagt, das ist der Böse oder das ist er Blöde, sondern eigentlich sind sie alle in ihrer menschlichen, ja wir alle sind in unserer menschlichen Enge gefangen und verhalten uns lächerlich, bösartig oder falsch.

00:11:18: Das hat er fantastisch komponiert und es ist auch nie so, dass man das Gefühl hat... Er will jetzt irgendjemanden bloß stellen, sondern er will uns selbst und sich selbst, uns allen den Spiegel zeigen

00:11:30: und sagen: so ist es eigentlich!

00:11:31: So sind wir Menschen!

00:11:33: Und man darf auch nicht vergessen Janáček stammt ja aus sehr einfachen Verhältnissen.

00:11:37: Das ist eine sehr kinderreiche Familie... Er ist nicht aufgewachsen in einer bürgerlichen, elitären Gesellschaft, wo man über Kunst sprach.

00:11:46: Und es ist auch so ein bisschen der Blick von jemandem, der sagt,... Guck mal, diese Kunstwelt war vielleicht auch i gewisser Weise immer etwas, wo er erstmal seinen Einstieg finden musste und deswegen konnte er das auch so gut parodieren, weil er auf eine bestimmte Art und Weise eben auch ein Außenseiter war und sich das angeschaut hat.

00:12:05: [Maria Gnann] Und du hast vorhin auch schon den Namen von Herrn Brouček angesprochen, Käferchen.

00:12:09: Das ist ja jetzt vielleicht kein musikalisches Mittel, aber auch da, wenn man sich diese Namen auf dem Mond vor allem

00:12:16: vorliest, dann sieht man da ja auch sehr schön, wie er so seine eigene Welt im Grunde, die Welt der Künste, auf die Schippe nimmt.

00:12:26: [Anke Rauthmann] Definitiv, es ist ja auch in der Produktion eine Frage, wie man damit umgeht, ob man diese tschechischen Begrifflichkeiten beibehält.

00:12:34: Natürlich in der Oper, sie wird original auf Tschechisch gespielt, aber dann auch übersetzt, werden wir die tschechischen Namen hören?

00:12:41: Aber in dem Programmheft werden wir das Deutsche auch aufschreiben, weil es einfach so lustig und erzählend ist, wenn jemand Zauberlicht heißt oder Wolkengrau,

00:12:53: oder Farbenspiel oder Harfenklang das sind diese Mondfiguren, diese Mondnamen. Und damit zeigt sich natürlich auch ein parodistisches Element, dass eben alles im Elfenbeinturm der Kunst alles so wunderschönen pseudopoetisch klingt.

00:13:09: Ja, aber was ist eigentlich die Essenz?

00:13:11: Was wollen wir eigentlich sagen?

00:13:12: Wo ist eigentlich das Fleisch, das Blut?

00:13:14: Genau das ist ja auch das, was Brouček

00:13:16: dann fehlt.

00:13:16: Er will was zu essen, kriegt er aber nicht auf dem Mond.

00:13:19: [Maria Gnann] Stimmt!

00:13:19: Er träumt von seinen Würsten oder den Knödeln, den heimischen Knödeln.

00:13:22: [Anke Rauthmann] Ja,

00:13:22: er träumt von seinem Würsten und damit wird er als Barbar entlarvt und wieder zurück auf die Erde katapultiert.

00:13:28: [Maria Gnann] Die ernähren sich doch auch von Tränen oder so?

00:13:31:

00:13:32: [Anke Rauthmann] Ja, von Tränen und, ich glaube, von Gedanken.

00:13:35: Also das Ganze ist 

00:13:38: sehr ätherisch.

00:13:39: [Maria Gnann] Und wie du schon sagst, die Musik ist ja unglaublich komplex und was ich auch sehr interessant finde, ist, dass der zweite Akt,

00:13:45: also wenn er ins 15. Jahrhundert reist, sich sehr stark verwandelt. Die Musik ist archaischer, choralartiger, um vielleicht diese Hussitenzeit darzustellen und auch einen sehr schönen Gegenpol im Grunde zum ersten Akt oder zu Brouček.

00:14:00: Hier kommt ein Chorausschnitt. [Musik]

00:14:36: Das klingt ja erst mal total toll dieser Chor, aber auch sehr interessant, was er mit den Orchesterstimmen dazu macht.

00:14:41: Oder wenn er dann so eine kleine Oboe irgendwie das kommentieren lässt oder so Triller. Also, es verzerrt das auf eine Art und Weise, macht das irgendwie grotesk.

00:14:50: [Anke Rauthmann] Definitiv!

00:14:51: Und ich glaube auch, ja genau, es ist natürlich auch ein Sujet gewesen. Man kann es sehr nationalistisch deuten, diesen zweiten Teil.

00:14:59: Weil das ist ja das Heldentum, in der Zeit der Hussitenkriege, wo sich sozusagen die Tschechen emanzipierten.

00:15:08: Aber dennoch, dieser kleine Fingerzeig: Es ist nämlich nicht nur alles verklärt und groß, sondern auch da gibt es Brechungen oder Ironie und Witz und ich denke das zeigt er damit.

00:15:20: Trotzdem ist dieser zweite Teil anders komponiert als der erste Teil auf dem Mond.

00:15:26: Man darf auch nicht vergessen, dass fast zehn Jahre Zeit vergangen sind zwischen diesen beiden Kompositionsteilen.

00:15:33: [Maria Gnann] Und er hat auch etliche Librettisten verschlissen dabei, beim Komponieren.

00:15:37: [Anke Rauthmann] Ganz genau!

00:15:37: Er war von der Zeit dann weiter und deswegen hört es sich ganz anders an.

00:15:44: Das finde ich immer sehr spannend an dieser Oper.

00:15:48: [Maria Gnann] Es gab noch eine Sache, über die wir musikalisch sprechen wollten.

00:15:51: Nämlich die Zwischenspiele, die immer wieder vorkommen, auch wirklich sehr ausgiebig erscheinen, viel ausgiebiger als man das vielleicht in anderen Opern gewohnt ist.

00:16:02: Also, rein orchestral: wunderbare Musik.

00:16:05: Auch hier ein kleines Beispiel im ersten Teil.

00:16:08: Also, wir sind wieder auf dem Mond. [Musik]

00:16:28: Ich glaube, das ist die Stelle, an der Herr Brouček wieder in den Schlaf fällt und zurücktaumelt quasi.

00:16:36: In welchen Momenten setzt Janáček diese Zwischenspiele ein, Anke?

00:16:39: Was würdest du sagen, welche Funktion haben sie?

00:16:42: [Anke Rauthmann] Also, sie sind dramaturgisch sehr wichtig,

00:16:44: die halten tatsächlich diese ganzen Teile zusammen.

00:16:46: Janáček setzt immer dann ein, wenn eine Transformation passiert.

00:16:51: Also wenn Brouček beispielsweise einschläft und er dann Richtung Mond reist.

00:16:59: Das ist ja etwas, was nie ganz klar gesagt wird.

00:17:03: Es wird nie gesagt: wie kommt er eigentlich auf den Mond?

00:17:05: Ist es eine reale Geschichte?

00:17:07: Ist das eine fantastische Geschichte?

00:17:08: Ist das eine Traumreise?

00:17:11: Das ist etwas, das uns ein bisschen verzaubert.

00:17:14: Man spürt es auch in dem Orchester, es ist sehr farbenreich, also es ist fast wie Filmmusik, fast filmisch, finde ich. Und das ist vielleicht auch etwas, was das heutige Publikum auch sehr stark anspricht. Mich persönlich spricht es sehr an, muss ich sagen.

00:17:27: [Maria Gnann] Und was ich mich auch gefragt habe: solche Zwischenspiele ohne Text von Sängerinnen und Sängern,

00:17:31: du hast gesagt das ist dramaturgisch sehr wichtig für die Oper, aber es gibt ja auch einer Regie sehr viel Freiheit.

00:17:37: Also, gerade für jemanden wie den US-amerikanischen Regisseur Yuval Sharon, der das Werk im Großen Saal des Festspielhauses in Bregenz inszenieren wird, ist es ja wahrscheinlich sehr anregend, könnte ich mir vorstellen.

00:17:49: Vielleicht kannst du uns da ein bisschen mit hinter die Kulissen nehmen, was er vor hat und was diese Zwischenspiele da für eine Rolle spielen?

00:17:56: [Anke Rauthmann] Na ja, also man darf auch nicht vergessen, es gibt auch einen theaterpraktischen Hintergrund und man merkt auch ganz klar bei dieser Oper, dass Janáček auch ein Theaterpraktiker war, also ein Komponist, der fürs Theater geschrieben hatte.

00:18:06: Ich finde, das ist überhaupt ein Werk, das man sich eher ansehen muss.

00:18:09: Man kann das sich fast nicht nur anhören und muss es sehen auf der Bühne.

00:18:14: Deswegen auch nochmal: Kommt nach Bregenz und schaut euch das an!

00:18:17: Es ist nicht oft zu sehen auf der Bühne.

00:18:19: Das ist ein Werk, was man sehen muss. Und diese Zwischenspiele haben natürlich auch eine pragmatische Funktion, weil wir müssen ja mal komplett eine neue Szenerie aufbauen.

00:18:29: [Maria Gnann] Die Umbauten?

00:18:31: [Anke Rauthmann] Genau, die Umbauten!

00:18:32: Und es wird natürlich von einem Theaterregisseur und Opernregisseur wie Yuval Sharon, der mit allen Wassern gewaschen ist,

00:18:41: wird es natürlich szenisch auch entsprechend genutzt und umgesetzt, diese Reise auf dem Mond.

00:18:45: Ich will jetzt gar nicht so viel verraten, aber vielleicht ganz kurz.

00:18:48: Also wir fangen an tatsächlich in einer sehr klaren Situation, nämlich Brouček in seinem Haus.

00:18:54: In seinem vielleicht auch umzäunten Haus, der hat sich quasi selbst beschränkt, ein Haus, ein geschachteltes Haus.

00:19:01: Und übrigens das Motiv der Box wird eine große Rolle spielen als eine Metapher für die Beschränktheit unserer Wahrnehmung, die Beschränktheit unseres Seins, mit der wir uns aber auch irgendwie sehr wohl fühlen, weil es vertraut ist, weil es irgendwie bekannt ist, weil es gemütlich ist und diese Box wird dann eben auch mal richtig geschüttelt und in Richtung Mond katapultiert.

00:19:23: Also, es wird einen rasanten Übergang geben, auch mit Hilfe von Videoprojektionen der sehr, sehr spannend zu sehen ist.

00:19:30: Ich will jetzt wirklich nicht so viel vorwegnehmen, aber es wird visuell auch wirklich gigantisch werden!

00:19:36: Und dann sind wir eben auf dem Mond und da gibt's eben auch dieses Element der Box und das wird überraschend und verblüffend sein, da möchte ich nicht zu viel vorwegnehmen.

00:19:44: Aber das ist etwas, was sich wirklich durch alle Akte und auch die Zwischenspiele ziehen wird,

00:19:49: dieses Bild der Box. Es fängt schon an mit der Tatsache, dass Brouček Fernsehen schaut.

00:19:54: Der Fernseher ist ja auch eine Box.

00:19:56: Also, fängt an in so ein bisschen 80er-Jahre-Osteuropa, aber es könnte auch in London oder Amerika sein.

00:20:03: [Maria Gnann] Ja,

00:20:04: Janáček siedelt seine Oper Ende des 19. Jahrhunderts an, das heißt: wir springen quasi hundert Jahre weiter.

00:20:09: [Anke Rauthmann] Ja, absolut.

00:20:11: Natürlich, man könnte es auch in der Zeit belassen.

00:20:14: Aber ich denke, dass Janáčeks Oper so unglaublich aktuell ist.

00:20:18: Diese Aussage, diese Grundaussage, dass wir einfach nicht in der Lage sind, uns Neuem zu öffnen, dass wir in unserer eigenen Spießigkeit ganz oft gefangen sind [Maria Gnann] Oder in der Bubble. [Anke Rauthmann] In der Bubble, ja, in unserer Box.

00:20:30: Wir sehen das ja auch heute mit Social Media.

00:20:32: Jeder hat seinen eigenen Feed.

00:20:34: Also, wir werden eigentlich immer nur in dem bestärkt, was wir eh schon wissen und selbst wenn wir etwas Neues sehen, und das ist nämlich Brouček auch passiert,

00:20:42: selbst wenn wir etwas Neues sehen, erkennen wir es nicht,

00:20:45: sondern versuchen es in unseren eigenen kleinen Rahmen wieder rein zu pressen, statt uns zu öffnen für das Wundersame und ganz Andere.

00:20:54: Aber nein!

00:20:54: Wir sind oft in unserer Urteilskraft sofort da und sagen ja das ist so und so und versuchen das zu kategorisieren.

00:21:02: Das ist glaube ich ein ganz starkes Anliegen von Yuval.

00:21:05: Da zieht er einen ganz klaren roten Faden durch und zeigt uns das auf verschiedenen Ebenen auf eine super spannende visuelle Art und Weise.

00:21:12: [Maria Gnann] Und diese Oper eignet sich ja dafür auch total gut, weil sie wirklich finde ich oft überfordert.

00:21:17: Also, wenn man das zum ersten Mal hört. Man kennt diese Musiksprache einfach nicht so sehr wie andere Musiksprachen.

00:21:24: Also, man muss sich dem wirklich auch öffnen!

00:21:27: [Anke Rauthmann] Da sagst du was!

00:21:29: Das ist wichtig jetzt von der Regie her, dass man dem Ganzen eben auch einen klaren Rahmen gibt, der uns jenseits von der Komposition auch irgendwie packt, der schlüssig ist

00:21:41: und das schafft Yuval mit seinem Bühnenbildner Jon Bausor,

00:21:44: der auch tolle Ideen entwickelt auf eine sehr starke Art und Weise, finde ich.

00:21:50: [Maria Gnann] Yuval Sharon hat schon mal mit dem Cleveland Orchestra zu Janáčeks Oper "Das schlaue Füchslein" eine halbszenische Filmfassung geschaffen und er wird auch in Bregenz ja mit Videoelementen arbeiten.

00:22:02: Hannah Wasileski – das ist eine in New York lebende Projektionsdesignerin – ist dafür verantwortlich und ich habe mal auf ihrer Seite auch ein bisschen rumgestöbert.

00:22:12: Sie projiziert ja wirklich leuchtende Bühnenbilder in die Opernhäuser, auf der ganzen Welt.

00:22:17: Kannst du was zur Ästhetik sagen?

00:22:19: Also, du hast vorhin gesagt: wir reisen zum Mond.

00:22:21: Das heißt, wir bekommen dieses Jahr doch wieder einen Mond in Bregenz, wenn noch nicht auf der Seebühne, sondern im großen Festspielhaus.

00:22:28: Oder ist es eher abstrakter?

00:22:31: [Anke Rauthmann] Wir bekommen einen Mond, den sehen wir auch.

00:22:36: Aber tatsächlich ist es dann, was Projektionen betrifft, abstrakt.

00:22:39: Also, es hat gar nichts zu tun mit irgendeiner Mondlandschaft, sondern wir sehen etwas ganz anderes und das möchte ich wirklich noch nicht verraten.

00:22:46: [Maria Gnann] Das

00:22:46: reicht mir auch!

00:22:46: [Anke Rauthmann] Weil

00:22:47: es so überraschend witzig ist.

00:22:49: Wir haben aber auch gleichzeitig das Naturalistische oder das eher Alltägliche durch Broučeks Zuhause.

00:22:57: Da haben wir wirklich sein Wohnzimmer, da haben wir einen Fernseher, da haben wir ein ganz klares Ambiente. Aber es ist vor allen Dingen

00:23:04: abstrakt.

00:23:06: [Maria Gnann] Du hast vorhin auch schon gesagt, dass die Oper in tschechischer Sprache in Bregenz gezeigt wird.

00:23:11: Man sagt ja immer italienisch singt sich super, deutsch sehr schwer.

00:23:15: Was würdest du sagen: wie ist das beim Tschechischen?

00:23:17: Was sind da die Herausforderungen?

00:23:19: [Anke Rauthmann] Na ja, ich glaube, diese Zischlaute, diese Zwischenzischlauter sind sehr schwer auszusprechen und es ist einfach auch eine Sprache, die nicht wirklich groß in Europa unterrichtet wird.

00:23:33: Es ist jetzt nicht so:

00:23:35: Jede:r von uns, der zur Schule gegangen ist oder der reist, kann ein bisschen italienisch oder hat sich mal mit Französisch auseinandergesetzt. Also das Tschechische

00:23:43: ist schon sehr speziell und deswegen ist es wirklich auch eine Herausforderung für jeden Sänger und jede Sängerin Janáček zu singen, weil man sich erst einmal mit dem Sprachcoaching beschäftigen muss.

00:23:56: Es sei denn, ist selbst Tschech:in, dann hat man's gut!

00:23:59: Und wir haben wirklich überwiegend Sänger:innen gecastet, die Tschech:innen sind, die tschechisch sprechen.

00:24:06: Das ist ihre Muttersprache,

00:24:07: von daher haben sie dieses Problem nicht.

00:24:09: Wir haben auch den Prager Chor, die sind auch alle Expert:innen in der tschechischen Sprache.

00:24:14: Ausnahme ist die Hauptpartie, nämlich der Heldentenor Daniel Brenner [Umbesetzung in: Peter Hoare] aus den USA, der wird den Brouček singen.

00:24:22: Alle anderen Rollen sind eigentlich besetzt von tschechischen Sängerinnen und Sängern. [Musik]

00:24:54: [Maria Gnann] Jahre nach neu-gegründeten Tschechoslowakei war Janáček über 60 Jahre alt und endlich berühmt geworden durch eine andere Oper, nämlich "Jenůfa". "Die Ausflüge des Herrn Brouček" sind beim Publikum durchgefallen. Warum, Anke, was denkst du?

00:25:12: [Anke Rauthmann] Du hast es ja eigentlich schon erwähnt.

00:25:13: Es ist kurz

00:25:14: nach der tschechischen Staatsgründung, kam es zu dieser Uraufführung und es war die erste Uraufführung, die Janáček in Prag hatte.

00:25:23: Und natürlich nach der Staatsgründung kann man sich vorstellen, das Publikum erwartete eine glorifizierende Oper vielleicht, eine festliche Oper und stattdessen kam ein Spiegel, also eine Art Satire voller Gesellschaftskritik, wo man sich wahrscheinlich selbst erkannte von wegen: Was sagt er jetzt?

00:25:46: Wir Tschechen sind alle bierliebende, würstchenfressende Spießbürger, oder was?

00:25:51: Also, da hat sich das Publikum schon sehr angefasst gefühlt und es hat dann eine Weile gedauert, bis diese musikalische Kostbarkeit tatsächlich auch durchkam.

00:26:04: Tatsächlich ist es auch ein selten gespieltes Werk.

00:26:06: Es hat wahrscheinlich auch ein bisschen mit der Uraufführung zu tun.

00:26:09: [Maria Gnann] Und eben, dass man jetzt nicht unbedingt klassische Ohrwürmer erwarten kann,

00:26:13: sondern dass diese Musik eben andere Kostbarkeiten bereithält: sehr dicht und rhythmisch komplex auch, aber vielleicht jetzt eben nicht so lyrisch tragisch, wie man es von anderen Opern gewohnt ist.

00:26:26: [Anke Rauthmann] Genau!

00:26:27: Im Prinzip auch seine einzige, wirklich auch dadaistisch-komische Oper, kann man sagen. Satirische Oper hat dadurch eine enorme Sonderposition in seinem Schaffen.

00:26:38: [Maria Gnann] Ich finde es auch supermutig, zwei Jahre nach einer neuen Staatsgründung.

00:26:42: Also, er hat das Werk natürlich schon davor begonnen, aber da waren ja wirklich viele Unruhen und dann so ein Werk zu präsentieren.

00:26:49: Wow, also das ist definitiv

00:26:53: sehr mutig!

00:26:54: [Anke Rautmann] Dazu vielleicht noch ganz kurz; da hat tatsächlich Janáček, was dazu geschrieben und gesagt: Es gibt in unserer Nation auf allen Seiten viele, viele Brouček.

00:27:02: Der Bauch bedeutet ihnen alles.

00:27:05: Also, er hat tatsächlich damit auch ein Zeichen setzen wollen.

00:27:08: [Maria Gnann] Was meinst du damit?

00:27:09: Mit Bauch?

00:27:10: Was glaubst du, was meint er damit?

00:27:12: [Anke Rauthmann] Der Bauch, also sozusagen der Wohlstand, das Wohlgefühl, die Gemütlichkeit.

00:27:17: Es ist mir egal, was draußen passiert. Hauptsache ich kann mein Bier trinken.

00:27:22: [Maria Gnann] Ich

00:27:22: bin satt und zufrieden.

00:27:23: [Anke Rauthmann] Genau, Hauptsache ich bin satt und zufrieden. Und da ist natürlich genau der Punkt, wo man die Finger in die Wunde legen kann, auch, was die heutige Gesellschaft betrifft.

00:27:34: Sind wir nicht auch alle im Endeffekt satt und zufrieden und versuchen alles, was draußen passiert, ein bisschen auszublenden und bleiben in unserer Blase, in unserer Box.

00:27:44: [Maria Gnann] Also, Bregenz bietet in dieser Saison mehrerlei Möglichkeit, tief in den Spiegel zu schauen.

00:27:50: Nicht nur auf der Hauptbühne bei "La Traviata", sondern eben auch die schon sehr einmalige Gelegenheit, dieses Werk zu sehen – "Die Ausflüge des Herrn Brouček", noch dazu unter der Leitung eines tschechischen Opernsängers und Dirigenten Robert Jindra, das ist der Musikdirektor des Nationaltheaters in Prag, und wie besprochen unter der Regie von Juval Sharon.

00:28:10: "Die Ausflüge des Herrn Brouček" von Leoš Janáček bei den Bregenzer Festspielen.

00:28:15: Premiere ist am 23.

00:28:17: Juli 2026 im Großen Saal des Festspielhauses.

00:28:22: Weitere Informationen und Tickets gibt es unter www.bregenzerfestspiele.com.

00:28:27: Und damit ganz herzlichen Dank fürs Zuhören!

00:28:30: Und auch an dich, Anke, für deine Zeit.

00:28:32: [Anke Rauthmann] Gerne, dankeschön.

00:28:40: [Musik]

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