L'elisir d'amore: Eine Oper im Rausch der Liebe
Shownotes
Gaetano Donizettis L’elisir d’amore zählt zu den Glanzpunkten der italienischen Belcanto-Oper und ist eines der großen Paradestücke für Tenorstimmen. Als scheinbar leichte Komödie entfaltet das Werk dabei eine überraschend emotionale Tiefe – doch worin liegt sein anhaltender Reiz, und inwiefern lässt es sich mit Erzählmustern einer bekannten britischen Fernsehserie unserer Gegenwart in Verbindung bringen?
In dieser Folge von Hör-Spiele sprechen Moderatorin Maria Gnann und Chefdramaturgin Anke Rauthmann über die diesjährige Produktion des Opernstudios der Bregenzer Festspiele: L'elisir d'amore. Die Premiere findet am 17. August 2026 im Theater am Kornmarkt statt.
Die Bregenzer Festspiele finden von 22. Juli bis 23. August 2026 statt. Mehr Informationen:http://bregenzerfestspiele.com
Mit: Maria Gnann (Moderation) und Anke Rauthmann (Chefdramaturgin der Bregenzer Festspiele) Länge: 29 Minuten Erscheinungsdatum: 2. Juni 2026
Bitte beachten Sie die aktuellen Änderungen in der Besetzung. Alle Informationen finden Sie hier: https://bregenzerfestspiele.com/de/musiktheater/l'elsir-d'amore
Transkript anzeigen
00:00:03:
00:00:18: [Maria Gnann] Was vereint dunkle Schokolade, Safran und Johimbin?
00:00:23: Das ist ein Extrakt der aus der Rinde des afrikanischen Yohimbe-Baums gewonnen wird.
00:00:27: Anke was meinst du?
00:00:29: [Anke Rauthmann] Ich glaube es ist stimulierend.
00:00:31: Ich würde sagen dass das ein Aphrodisiakum ist, was du gerade beschreibst.
00:00:35: [Maria Gnann] Hervorragend!
00:00:36: Ja, alle drei Zutaten gelten als Aphrodisiaka,
00:00:40: sollen also die Libido beleben – die Liebe pflegen.
00:00:43: Und was davon enthält der berühmte Liebestrank in der gleichnamigen Oper "L'elisir d'amore" von Gaetano Donizetti?
00:00:50: Nichts.
00:00:51: Hinter dem vermeintlichen Liebestrank verbirgt sich eine Flasche Rotwein, aber auch der führte zu einem rauschenden Erfolg, oder? Das besprechen wir in dieser Folge,
00:01:01: herzlich willkommen dazu, mit Maria Gnann, ich bin Musikjournalistin und spreche mit der Chefdramaturgin der Bregenzer Festspiele, Anke Rauthmann.
00:01:08: Schön dass Sie uns zuhören.
00:01:09: Hallo Anke!
00:01:10: [Anke Rauthmann] Hallo Maria! [Musik]
00:01:39: [Maria Gnann] Das ist Nemorino, unsere Hauptperson; hier definitiv schon beschwipst vom Rotwein.
00:01:45: Er denkt aber, er habe soeben vom Liebestrank gekostet, der ihm endlich die geliebte Adina in die Arme treiben soll.
00:01:52: Allerdings dauere es vierundzwanzig Stunden, bis der Trank seine Wirkung entfaltet – so hat das ihm der Quacksalber jedenfalls versprochen.
00:01:59: Und so ist Nemorino ausnahmsweise gelassen, als Adina erscheint!
00:02:04: Eine sehr schlaue, ein bisschen spitzzüngige Frau, die nicht an die beständige Liebe glaubt und sich, statt mit dem etwas naiven Nemorino, mit dem Hauptmann Belcore verlobt… Und erst als sie begreift, wie ernst es Nemorino ist, und dass er für ein Wort der Liebe von ihr sogar sterben würde, erobert er ihr Herz.
00:02:22: Das als eine kurze Zusammenfassung der Oper "L'elisir d'amore" von Gaetano Donizetti.
00:02:28: Das klingt ja erstmal ziemlich Telenovela-mäßig, aber diese Oper ist zauberhaft!
00:02:33: Wie schafft das Donizetti?
00:02:35: Was macht den Zauber aus? Anke, was meinst du?
00:02:39: [Anke Rauthmann] Also Donizetti – vielleicht erst mal ein bisschen zum Hintergrund – ist ja
00:02:44: eigentlich ein Komponist,
00:02:44: der tragische
00:02:46: Opern geschrieben hat.
00:02:47: "Lucia di Lammermoor" mit der großen Wahnsinns-Arie, "Anna Bolena",...
00:02:51: Also das sind... Er ist sehr bekannt für dieses romantisch-tragische Belcanto mit den höchsten, leidenschaftlichsten Koloraturen und Momenten.
00:03:01: Jetzt hat er so in der Mitte seiner Karriere dieses "L'elisir d'amore" geschrieben, l'elisir, der Liebestrank.
00:03:07: Eigentlich von der Struktur eine Opera buffa, leicht und locker,
00:03:10: und trotzdem steckt in vielen Dingen, vor allen Dingen der Figur des Nemorino, eine leichte tragische Komponente, also sehr viel Herz, auch ein bisschen Schmerz.
00:03:20: Bei allem Lachen, bei aller Naivität, bei allen schönen, klaren, einfachen Kantabile-Linien die gesungen werden, ist auch immer noch so ein kleines bisschen Schmerz drin.
00:03:31: Und das macht diese Oper so wunderbar und gibt ihr ja auch die Tiefe die es für ein Meisterwerk braucht.
00:03:37: [Maria Gnann] Ja, ich finde auch diese Zartheit der Musik, die so tief empfunden wirkt und eben wirklich wunderschön ist,
00:03:43: auch mal ernst, wie du sagst, und das dann im Wechsel mit diesen schwungvollen, komischen Momenten,
00:03:49: das wirkt wie ein Strudel, von dem man sich irgendwie gerne mitreißen lässt, wie wenn man auch einen richtig guten Liebesfilm sieht.
00:03:56: Also unterhaltsam und berührend, vor allem eben Nemorino in seiner verzweifelten, ein bisschen naiven Liebe. Und was ich auch richtig toll finde, wie Donizetti die Stimmen zum Teil verschränkt und die Tempi-Wechsel timed.
00:04:09: Das kann richtige Endorphin-Schauer auslösen.
00:04:11: Also Glücksgefühle beim Hören!
00:04:13: [Anke Rhautmann] Er hat auch fantastische Chor- und Ensembleszenen geschrieben.
00:04:16: Es sind in vielen weiten Teilen ja auch großartige Chor-Opern.
00:04:22: Und Arien, die unvergesslich sind,
00:04:25: davon sprechen wir glaube ich noch. Eine Arie, die unvergesslich ist.
00:04:28: [Maria Gnann] Ja!
00:04:29: Ich möchte auf eine Stelle hinweisen oder als Beispiel aufführen, wo er dies alles eben miteinander verschränkt und man sich so richtig mitreißen lassen kann:
00:06:17: Belcore drängt zur Hochzeit,
00:06:18: Adina singt, sie habe keine Eile,
00:06:20: sie möchte erobert werden,
00:06:22: Nemorino verflucht die eigene Schüchternheit und das Dorf glaubt noch nicht so recht, dass Adina, die schlaue Füchsin, auf den Soldaten hereinfallen wird.
00:06:30: Eine Szene aus dem ersten Akt mit rasantem Schluss – und rasant hat Donizetti diese Oper auch zu Papier gebracht!
00:06:37: Er soll nur einige Wochen daran geschrieben haben
00:06:39: und in 1832 wurde die Oper uraufgeführt im Teatro della Cannobiana in Mailand.
00:06:46: Das Publikum war direkt Feuer und Flamme,
00:06:48: wie wir.
00:06:49: Ein Kritiker hat die vokale Melodieführung gelobt, die mal lebhaft, mal glanzvoll, mal leidenschaftlich sei.
00:06:56: Also wie du eben sagst, ja, Donizetti gilt als einer der den Gesangstil Belcanto nochmal so richtig hat aufblühen lassen.
00:07:03: Erzähl uns auch noch einmal ein bisschen mehr von diesem Gesangsstil.
00:07:06: Wodurch zeichnet sich der Belcanto aus?
00:07:08: [Anke Rauthmann] Ja, Belcanto heißt natürlich Schöner Gesang und zeichnet sich zunächst einmal aus durch diese wunderschönen, melodiösen Gesangslinien in den Arien.
00:07:21: Gerade auch in den Paraderollen bei den Tenören, die dann sich zum Teil auch... oder Sopranistinnen auch, die sich dann steigern,
00:07:28: die fließend sind, viel Legato verlangen und dann irgendwann in diese Caballetta-Struktur kommen, wo es dann rasant wird und auch richtig virtuos wird, wo man mit brillanten schnellen oder auch virtuosen Koloraturen zu tun hat und sich die Emotionen, die man in der Arie spürt, oder in den Ensembles, sich noch mal richtig steigert.
00:07:52: Das heißt das geht ab,
00:07:53: könnte man sagen in diesem Belcanto.
00:07:55: Und gleichzeitig hat das eben auch, ja, wie in einem guten Song könnte man sagen, es gibt eine Struktur, die alles hat,
00:08:03: dieses Cantabile, dieses Legato, dieses Getragene, dieses Gefühlvolle und dann geht's richtig ab.
00:08:09: Es steigert
00:08:09: sich.
00:08:10: [Maria Gnann] Und gleichzeitig ist es trotzdem immer maßvoll, also es ist nicht so eine extravagante Dramatik, sondern doch auch, finde ich, eher so eine innige Emotion.
00:08:19: [Anke Rauthmann] Absolut!
00:08:19: [Maria Gnann] Also noch mit runden Ecken, würde ich sagen.
00:08:21: [Anke Rauthmann] Ja, ja, das ist total richtig, weil was danach kommt, dann haben wir Verdi irgendwann und der löst quasi diese ganzen Strukturen auch auf.
00:08:28: Und hier haben wir noch ganz klar... Wir haben hier eine Arie, wir haben einen Rezitativteil, wir habe ein Ensemble mit Cabaletta, wir haben ein Finale, ein großes Finale wie auch bei Rossini.
00:08:39: Also da ist es noch eine Struktur die klar gebaut ist.
00:08:43: Das ist richtig beim Belcanto.
00:08:45: [Maria Gnann] Cabaletta ist der Schlusssatz in einer Arie, könnte man sagen?
00:08:48: [Anke Rauthmann] Genau!
00:08:48: Der Schlusssitz in eine Arie, wo es noch mal auf so einen Höhepunkt zugeht und oft auch virtuos ist und wo dann der Tenor da nochmal einen ganz großen hohen Ton setzt.
00:08:59: Normalerweise dann auch furiose Applausstürme hinterher kommen.
00:09:04: [Maria Gnann] Es gibt eine ganz berühmte Arie in diesem Werk: Una furtiva lagrima.
00:09:11: Da hält sich das Orchester eher zurück, um dem Sänger, in diesem Fall dem Tenor oder Nemorino den Raum für die Gestaltung der Melodie zu geben.
00:09:20: Und auch das ist ein ganz typisches Belcanto Beispiel, in das wir jetzt einmal hineinhören. [Musik]
00:10:28: Ja, auch ganz typisch dieser Schmelz in dieser Stimme und dann eben so dieses langsame Anschwellen, lauter werden, also eher schlichte dynamische Abstufungen, sehr schwierig auch das zu singen und so zu gestalten.
00:10:43: [Anke Rauthmann] Absolut, das ist quasi... die Emotion hineinzugeben ohne zu übertreiben,
00:10:50: es wirklich innerlich zu spüren...
00:10:52: Gleichzeitig braucht man eine sehr gute Technik um diese Stimmführung zu halten.
00:10:56: Also es ist eine große Herausforderung, dieser Arie zu singen, in jedem Fall.
00:11:00: [Maria Gnann] Una fortiva lagrima,
00:11:01: das heißt
00:11:02: eine verstohlene Träne.
00:11:04: Und von ihr singt Nemorino, weil er bei Adina einen Blick darauf erhaschen konnte, was ihm Hoffnung gibt
00:11:10: sie könnte ihn vielleicht doch lieben.
00:11:12: Er singt: Er möchte nur ein Wort der Liebe von ihr und dann könne ihm auch der Tod nichts anhaben.
00:11:17: Also da schwingt ja doch eine gewisse Tiefe mit.
00:11:22: [Anke Rauthmann] Dieses tragische Moment von dem ich Anfangs erzählt habe bei Donizetti, was eben auch seinen komischen Opern eine gewisse interessante Melancholie und Tiefe gibt und vielleicht auch das Geheimnis ausmacht.
00:11:53: [Maria Gnann] Diese Arie ist nicht nur eine der berühmtesten Höhepunkte der italienischen Belcanto-Oper, es ist auch ein Paradestück für Tenöre und bei der Inszenierung in Bregenz darf sich damit Emmanuel Tomljenović zeigen, ein junger lyrischer Tenor aus Kroatien, der zurzeit im Ensemble des Opera Ballet Vlaanderen in Antwerpen und Gent singt.
00:11:56: Und Adina wird verkörpert von einer aufstrebenden armenischen Sopranistin: Iana Aivazian, sie ist Mitglied im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper.
00:12:06: Die Inszenierung in Bregenz ist ja eine Produktion des Opernstudios der Bregenzer Festspiele.
00:12:11: Was heißt das genau?
00:12:13: [Anke Rauthmann] Das Opernstudio der Bregenzer Festspiele existiert bereits seit einigen Jahren.
00:12:17: Das ist eine Idee um den Nachwuchs natürlich zu fördern und gleichzeitig ist es auch eine gute Idee, um junge Talente aufzuspüren,
00:12:29: zu finden, mit denen dann auch eventuell später in Produktionen zu arbeiten.
00:12:34: Und es gibt jedes Jahr im März eine sogenannte Meisterklasse wo Sängerinnen und Sänger die eine internationale Karriere hatten eine typische Masterclass geben.
00:12:45: Das wird dieses Jahr von unserer Intendantin Lilli Paasikivi geleitet, die ja selbst eine gefeierte Mezzo-Sopranistin war und von Jaakko Kortekangas, der Betriebsdirektor der Bregenzer Festspiele, der eben so eine große Karriere hatte als Bariton.
00:13:01: Und tatsächlich sind jetzt in dieser Meisterklasse vier Sänger:innen dabei, die dann auch bei "L'elisir d'amore" mitwirken werden,
00:13:11: nämlich Iana Aivazian, von der du schon erzählt hast, Anton Beliaev... [Maria Gnann] Adina [Anke Rauthmann] Adina, genau, Belcore, der Bariton Anton Beliaev, Dulcamara Benjamin Šuran und Gianetta.
00:13:23: [Maria Gnann] Und der Quacksalber [Anke Rauthmann] Genau der Quacksalber, da gibt es eine tolle Rolle.
00:13:26: Dulcamara der Bass, und Giannetta, das ist ne kleine Rolle. Das ist die Freundin von Adina, Tanja Jannelli und sie arbeiten zusammen mit Lilli Paasikivi und Jaakko Kortekangas.
00:13:39: Und sie haben dann die Möglichkeit, im Opernstudio in der Produktion "L'elisir d'amore" im Kornmarkt-Theater hier in Bregenz ihr Talent voll zu entfalten.
00:13:49: Das ist auch... diese Produktionen vom Opernstudio sind halt tatsächlich immer mit jungen Leuten besetzt.
00:13:55: Das gibt dem Ganzen natürlich auch eine besondere Frische.
00:13:58: Junge professionelle Sänger:innen sind oft mit einer ganz anderen Leidenschaft am Werk und das passt sehr gut jetzt zu "L'elisir d'amore", weil es ja auch eine Oper ist, die von jungen Leuten handelt.
00:14:11: Also schwingt das dann ganz gut mit rein!
00:14:13: [Maria Gnann] Auch die Dirigentin ist jung: Danila Grassi, 1993 in Apulien geboren. Sie hat mit "L'elisir d'amore" schon einmal debütiert, an der Staatsoper Stuttgart war das.
00:14:25: Und in diesem Sommer wird sie in Bregenz debütieren – das Symphonieorchester Vorarlberg leiten durch die Inszenierung von Anna Kelo.
00:14:33: Anna Kelo ist eine finnische Regisseurin, die vor allem in Helsinki mit ihrer Inszenierung zu Richard Wagner's Operntetralogie "Der Ring des Nibelungen" für Aufsehen gesorgt hat, wofür übrigens die jetzige Intendantin Lilli Paasikivi der Bregenzer Festspiele, die Initialzündung ausgelöst hat.
00:14:49: Das fand ich sehr interessant.
00:14:51: Sie war damals Intendantin an der finnischen Nationaloper und als die ursprünglich vorgesehene Regie für den "Ring" nicht zustande kam, das Budget wohl auch nicht alle Möglichkeiten zugelassen hat,
00:15:02: da hat sich einfach an die Regieassistentin im Haus gewandt und dass war Anna Kelo.
00:15:07: Jetzt aber kein Wagner sondern Donizetti.
00:15:10: Eine ganz andere Welt die sie mit Highschool-Atmosphäre verbinden will.
00:15:14: Erzähl, was hat Anna Kelo für Bregenz genau geplant?
00:15:19: [Anke Rauthmann] High School-Atmosphäre, das ist genau das Thema.
00:15:24: Man sagt, im Film würde man von einer Coming of Age-Geschichte reden.
00:15:28: Dieses "L'elisir d'amore" spielt in einem Dorf mit Menschen, die vielleicht noch nicht so viel erlebt haben und gesehen haben.
00:15:38: Adina ist zwar ein bisschen belesen aber... Nicht nur Nemorino fällt auf den Quacksalber Dulcamara rein, der von außen kommt und alle möglichen Dinge verkauft,
00:15:47: unter anderem eben auch den Liebestrank.
00:15:48: Falsch, ein Fake-Liebestrank!
00:15:50: Also man kann sagen es ist eine eher naive Gesellschaft die da geschildert wird
00:15:54: und was passt dann nicht besser als auch von wirklich sehr jungen Menschen zu erzählen
00:16:01: die ihre Erfahrungen erst machen müssen und die vor allen Dingen auch ein bisschen durcheinander sind, weil sie hormongeschüttelt sind,
00:16:10: weil sie verliebt sind in jemanden und nicht genau wissen werden sie zurückgeliebt,
00:16:14: zum Teil auch gar nicht genau Wissen ob sie binär oder nonbinär sind...
00:16:18: Ja, das ist jetzt so das Setting im den Anna Kelo das ganze hinein gibt, ohne aber zu viel zu verändern, denn tatsächlich passt das wie die Faust aufs Auge, würde ich sagen.
00:16:30: Ein Highschool-Ambiente, es ist im Prinzip ein kleines Dorf, es ist eine kleine eingeschworene Gemeinschaft.
00:16:37: Der Chor kommentiert sehr viel, in einer Schule mit pubertierenden Jugendlichen.
00:16:44: Ja, man weiß wie es auf dem Schulhof zugeht.
00:16:47: Wer ist gegen wen?
00:16:48: Wer ist jetzt hier das heiße Girl?
00:16:50: Wer ist irgendwie der Außenseiter?
00:16:51: Nemorino ist so ein leichter Außenseiter, weil er ein bisschen einfältiger ist vielleicht erst mal oder vielleicht auch ein besonders gutes Herz hat.
00:16:58: Er ist verliebt in dieses wahnsinnig tolle Mädel, die auch ein bisschen arrogant daherkommt mit ihren Freundinnen und ihn erst keines Blickes würdigt aber dann noch irgendwie merkt: er hat irgendwas Interessantes.
00:17:11: Und tatsächlich gibt's ja... vielleicht hat man das schon irgendwie gesehen,
00:17:14: es gibt auf Netflix eine unglaublich erfolgreiche Serie, die hieß "Sex Education" und "Sex Education" spielte eben auch oder spielt auch in einer High School-Atmosphäre in einem Ambiente und nimmt diese Figuren und die Nöte und Wirrungen und Irrungen und Liebeskomplikationen unglaublich ernst
00:17:35: und ist gleichzeitig humorvoll. Und in diesem Fall passt es ausgesprochen gut zu "L'elisir.
00:17:41: d'amore"
00:17:43: [Maria Gnann] "Sex Education" ist eine britische Fernsehserie, die wirklich auch sehr lustig ist.
00:17:49: Hast du sie auch gesehen, Anke?
00:17:50: [Anke Rauthmann] Ja, ja ich habe sie total... Also ich hab diese Serie wirklich geliebt und fand auch die Schauspieler und Schauspielerinnen ganz ganz ganz toll!
00:18:01: Und besonders interessant fand ich, wie man so ein etwas, naja ein Thema, die Sexualität von Jugendlichen und wie sie das gerade entdecken...
00:18:10: Das sind ja Szenen, wo man sagt, das könnte auch irgendwie peinlich werden oder unangenehm,
00:18:15: aber es war so treffend und auch ehrlich und liebevoll inszeniert mit einem witzigen und auch liebevollen Humor.
00:18:24: Und wenn Anna Kelo das gelingt, diese Art von Humor auch in "L'elisir d'amore" spürbar zu machen in ihrer Inszenierung, dann gelingt ihr da wirklich ein Meisterstück!
00:18:35: Ich denke dass alle Voraussetzungen in der Oper gegeben sind,
00:18:39: weil Donizetti genau das macht:
00:18:40: Er nimmt seine Figuren ernst und geht liebevoll mit ihnen um.
00:18:44: [Maria Gnann] Ja, das Libretto aber zu "L'elisir d'amore" stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert.
00:18:48: Felice Romani hat es verfasst, angelehnt an das Libretto von Eugène Scribe zu der Oper "Le Philtre" von Daniel-François-Esprit Auber und dieses Libretto fußt wiederum auf einer Vorlage von Silvio Malaperta, "Il filtro".
00:19:02: Also insgesamt ja ein sehr, sehr alter Text über zweihundert Jahre alt.
00:19:06: Was passiert denn mit den Dialogen, wenn sie für eine High School Adaption à la "Sex Education" herhalten sollen?
00:19:12: Habt ihr da etwas am Text verändert?
00:19:14: Wie wirkt das in diesem Setting?
00:19:16: [Anke Rauthmann] Also im Text wurde absolut nichts verändert, was auch ein bisschen dazu gehört, denn in den Opernstudio-Produktionen sollen ja die jungen Sängerinnen und Sänger auch erst mal lernen, die Partien auswendig lernen,
00:19:31: die Partien einstudieren. Und wenn man da jetzt wahnsinnig viel verändert das macht irgendwie nicht soviel Sinn.
00:19:36: Dennoch passt es erstaunlich gut.
00:19:37: Also ist ganz klar, natürlich... vielleicht... ich meine, ein Liebestrank könnte ja auch eine Droge sein.
00:19:42: Also diese Veränderungen sind für das Publikum, denke ich, ganz klar zu sehen und es macht auch Spaß, da so eine gewisse Hürde zu nehmen,
00:19:53: zu überlegen, okay ja, was ist das wohl,
00:19:55: was er von Dulcamara da bekommt?
00:19:57: Ist das wirklich Wein jetzt?
00:19:59: Ist das eine Droge?
00:19:59: Was sollen das sein?
00:20:01: Das ist spannend!
00:20:02: Sicherlich kann man auch bei den Übertiteln die wir haben werden – wir werden deutsche Übertitel haben – mal das eine oder andere ein bisschen adaptieren um da die Setzung klarer zu machen, aber grundsätzlich singen sie den original italienischen Text.
00:21:40: [Musik] [Maria Gnann] Ja, Adinas "Ti amo", ich liebe dich.
00:21:43: Es gibt eben Sätze die doch auch wohl ewig gültig bleiben werden.
00:21:48: Der Moment in dem Adina endlich ihre Liebe zu Nemorino eingesteht, der außer sich vor Freude reagiert: "oh gioia", Oh Freude.
00:21:55: Man freut sich richtig mit.
00:21:57: Wir haben auch sehr viel gelächelt, als wir gerade zugehört haben,
00:21:59: das passiert einfach bei dieser Oper.
00:22:02: [Anke Rauthmann] Ja, das stimmt,
00:22:02: das ist eine Feel-Good-Oper und deswegen, das hatte ich, glaube ich, irgendwann auch beim ersten Podcast gesagt, es ist eine ideale Einstiegsoper für Leute, die möglicherweise noch keinen, ja möglicherweise überhaupt noch keinen Umgang hatten mit Opern.
00:22:18: Diese Musik macht einfach auch wahnsinnig gute Laune, weil es uns so mitnimmt in ihrer Emotionalität und in ihrer Kraft.
00:22:25: [Maria Gnann] Zum Abschluss würde ich gerne noch ein paar interessante Infos mit dir austauschen, über die es sich, zum Beispiel in der Pause der gut zwei Stunden lang Oper, wunderbar parlieren ließe.
00:22:35: Was hat dich in der Beschäftigung mit dem Werk beeindruckt?
00:22:37: Gibt es da etwas das du gerne loswerden möchtest, mitteilen möchtest?
00:22:42: [Anke Rauthmann] Ja,
00:22:42: ich habe mich ein bisschen mit dem Komponisten beschäftigt.
00:22:45: Was mich sehr beeindruckt hat, ist dass Donizetti aus Bergamo kam, Norditalien, aus sehr, sehr ärmlichen Verhältnissen; zunächst gefördert wurde und dann unglaublich arbeitsam war.
00:22:58: Der hat über siebzig Opern komponiert, muss man sich mal vorstellen. Und dabei ist er in seinen Fünfzigern gestorben, übrigens an Syphilis, komplett umnachtet, dem Wahnsinn nahe. Also das ist auch interessant weil er hatte eine Figur, Lucia de Lammamoor, erfunden, die in geistiger Umnachtung dann auch stirbt.
00:23:15: Er war ein Karrierist, kann man sagen,
00:23:17: wenn man das jetzt mal negativ formuliert. Also er war ausgesprochen produktiv und auch wirklich an seiner Karriere interessiert.
00:23:24: Er war sehr der Liebe der Frauen zugeneigt, um das mal ganz vorsichtig zu formulieren.
00:23:31: Wie gesagt Syphilis ist ja eine Geschlechtskrankheit, die man sich nicht ohne weiteres holt, sondern es hatte Gründe.
00:23:39: Er war verheiratet, hatte auch Kinder, die aber gestorben sind.
00:23:42: Seine Frau ist sehr früh gestorben und das war auch so ein bisschen die innere Tragik in seinem Leben.
00:23:46: Jetzt haben wir hier mit "L'elisir d'amore" ein sehr komischs Stück.
00:23:51: Und da finde ich interessant zu sehen, dass die Struktur – auch gerade die Figur des Nemorino – tatsächlich sich anlehnt an die alte Commedia dell'arte.
00:24:00: Commedia dell'arte ist ja das Volkstheater, das improvisatorische Volkstheater Italiens und die Figur des Arlecchino, des Clowns quasi, ist in Bergamo entstanden.
00:24:11: Also sie hat seinen Ursprung in Bergamo und ich denke, dass es deswegen auch so eine Tiefe hat. Nemorino, der einfältig ist, der trotzdem aber ein wahnsinnig gutes Herz hat und trotz seiner Einfalt nicht dumm ist.
00:24:27: Er hat trotzdem einen guten Instinkt, gute Gefühle, damit hat er eigentlich diesen Arlecchino nochmal in eine andere Liga gehoben.
00:24:36: Das ist die Variante des Arlecchino, wo ich sage, die unsterblich geworden ist durch Donizetti.
00:24:42: Das hat mich sehr beeindruckt oder darüber habe ich nachgedacht.
00:24:45: Auch die anderen Figuren. Adina ist so eine Art Colombina, eine freche, sehr selbstbewusste junge Frau und Dulcamara, der Quacksalber.
00:24:53: Da gibt es den Dottore, der pompös ist, aber im Prinzip blöd, er weiß auch nichts.
00:24:59: [Maria Gnann] Blöd und raffiniert?
00:25:01: [Anke Rauthmann] Blöd und raffiniert, genau!
00:25:03: Aber eigentlich was er erzählt ist Quatsch... Das ist ein Quacksalber.
00:25:07: Und Belcore, dieser Soldat, das ist der Capitano.
00:25:10: Das ist so der typische testosterongesteuerte, breitschultrige Kerl, der von lauter Eitelkeit auch nichts um sich herum sieht,
00:25:18: ja,
00:25:19: Das sind die Figuren der Commedia dell'arte, die unsterblich geworden sind.
00:25:23: Diese Struktur findet man beim Mozart, bei Rossini und eben auch bei Donizetti.
00:25:27: Und das hat mir gefallen,
00:25:30: dass das eben aus dieser Stadt Bergamo kommt, wo er geboren wurde,
00:25:34: dass da der Ursprung der Commedia dell'arte war.
00:25:36: [Maria Gnann] Ja, finde ich auch super interessant!
00:25:38: Ich bin vor allem an dieser Rolle des Dulcamara hängen geblieben,
00:25:42: auch wegen einer sprachlichen Feinheit.
00:25:45: Also Dulcamara, eben der Quacksalber, der mit vermeintlichem Wundertränken das gemeine Volk übers Ohr haut und Nemorino die Rotweinflasche andreht, als er einen Liebestrank verlangt.
00:25:57: Er ist eine ziemlich konkrete Karikatur der Gesundheitsexperten jener Zeit offenbar, weil zurzeit der Uraufführung in Europa die Cholera grassierte.
00:26:05: Und die Medizin hatte damals kaum wirksame Mittel dagegen.
00:26:09: Es war also ein gefundenes Fressen für Scharlatane um aus Angst Profit zu schlagen.
00:26:13: Und so ist Dulcamara ja schon eine bittersüße Figur, nicht nur lustig und genau das bedeutet auch der Name: großartig, der sich vom lateinischen "dulcis", süß, und "amara", bitter, ableitet.
00:26:25: Es gibt auch eine Giftpflanze die so heißt: Bittersüßer Nachtschatten, Solanum Dulcamara.
00:26:31: Sehr schön sieht sie übrigens aus, mit violetten Blüten und Beeren, die, wenn sie reif sind, leuchtend rot glänzen. Und wie Donizetti eben mit Dulcamara die Leichtgläubigkeit der Menschen parodiert,
00:26:43: das finde ich ziemlich treffend. Und auch im Happy End um Nemorino und Adina darf er kräftig mitmischen.
00:26:50: Dulcamara weist sich selbst natürlich den Erfolg zu und wird dann von der Dorfbevölkerung belagert, die jetzt natürlich auch so einen Trank möchte und den Scharlatan mit einem Wunsch nach Wiederkehr aus dem Dorf verabschiedet.
00:27:03: Und wie sich diese Figur auch in diesen einschmeichelnden Melodien abzeichnet und entfalten kann,
00:27:09: also das finde ich auch wirklich eine Glanzleistung
00:27:40: von Donizetti. [Musik] [Anke Rauthmann] Sehr schön.
00:28:10: [Maria Gnann] Ja, zaubert ein Lächeln in den manchmal trüben Alltag: der Liebestrank, "L'elisir d'amore" von Gaetano Donizetti
00:28:18: bei den Bregenzer Festspielen ist die Premiere am 17. August 2026 im Theater am Kornmarkt. Anna Kelo inszeniert und die musikalische Leitung hat Danila Grassi.
00:28:30: Weitere Informationen und Tickets gibt es unter bregenzerfestspiele.com, das war's von uns!
00:28:36: Vielen Dank, sofern Sie immer noch zuhören.
00:28:37: Ich heiße Maria Gnann und sage auch dir Anke wie immer ein herzliches Danke!
00:28:43: [Anke Rauthmann] Danke dir Maria!
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