La traviata auf der Seebühne
Shownotes
Giuseppe Verdis "La traviata" gehört zu den meistgespielten und meistgeliebten Opern der Welt. Doch was macht dieses Werk bis heute so zeitlos und berührend?
In dieser Folge von _Hör-Spiele_ sprechen Moderatorin Maria Gnann, Chefdramaturgin Anke Rauthmann sowie Ausstattungsleiterin Susanna Boehm über die neue Inszenierung von "La traviata", die 2026 erstmals auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele zu erleben ist. Die Premiere findet am 22. Juli 2026 statt.
Gemeinsam werfen sie einen Blick auf die gesellschaftliche Relevanz der Oper, ihre emotionale Direktheit und die musikalischen Farben von Verdis Meisterwerk – ergänzt durch ausgewählte musikalische Kostproben.
Die Bregenzer Festspiele finden von 22. Juli bis 23. August 2026 statt. Mehr Informationen:http://bregenzerfestspiele.com
Mit: Maria Gnann (Moderation), Anke Rauthmann (Chefdramaturgin der Bregenzer Festspiele) und Susanna Boehm (Ausstattungsleiterin der Bregenzer Festspiele)
Länge: XX Minuten
Erscheinungsdatum: XX. April 2026
Transkript anzeigen
00:00:03:
00:00:18: [Maria Gnann] Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Podcast-Folge.
00:00:21: Dieses Mal sogar mit zwei Gästen, die Chefdramaturgin und die Ausstattungsleiterin der Bregenzer Festspiele sitzen hier vor mir.
00:00:29: Herzlich willkommen, Anke Rauthmann und Susanna Boehm! [Anke Rauthmann] Hallo! [Susanna Boehm] Hallo!
00:00:34: [Maria Gnann] Ich heiße Maria Gnann, ich bin Musikjournalistin und möchte direkt den Teppich für eine Außenseiterin ausrollen, eine Prostituierte, die Giuseppe Verdi mit einem Herz aus Gold porträtiert – "La traviata". [Musik]
00:01:07: Ein fünfzehnjähriges Bauernmädchen aus der Normandie zieht nach Paris und wird eine der begehrtesten Prostituierten der Oberschicht.
00:01:17: Sie heiratet einen jungen Grafen, obwohl sie schon schwer krank ist.
00:01:21: Im echten Leben ist das Alphonsine Plessis alias Marie Duplessis. 1847 stirbt sie im Alter von 23 Jahren.
00:01:33: Aber die Kunst lässt sie auferstehen, in idealisierter Form: Erst als "Die Kameliendame" in dem Roman- und Theaterstück von Alexandre Dumas dem Jüngeren,
00:01:42: und als Violetta Valérie in Giuseppe Verdis Oper "La traviata". [Musik]
00:02:02: 'La traviata' ist italienisch und lässt sich übersetzen mit 'die vom Weg Abgekommene'.
00:02:10: Anke, von welchem Weg ist 'La traviata' deiner Meinung nach abgekommen?
00:02:14: [Maria Gnann] Ja, 'La traviata', wie du schon gesagt hast, heißt 'die vom Wege Abgekommene',
00:02:18: 'die Gefallene'.
00:02:20: Das war im Italien des 19. Jahrhunderts ein stigmatisierter Begriff für eine Frau, die außerhalb der bürgerlichen Moral lebt, also zum Beispiel eine Kurtisane wie Violetta.
00:02:30: Aber das ist nicht Verdis eigenes Urteil.
00:02:33: Es ist nicht seine Meinung, sondern es ist das Urteil der Gesellschaft und Verdi, wie du schon gesagt hast, hat ja eine Außenseiterin zur Hauptfigur gemacht.
00:02:42: Er hatte eine ungeheure Empathie für Außenseiterfiguren, und eigentlich wollte er die Oper 'Violetta' nennen, nur das war zu heikel für Zensur, Moral und Kommission der Gesellschaft.
00:02:54: Und so hat er das eigentlich ironisch gebrochen,
00:02:56: indem er den Titel 'La traviata' gewählt hat, legte er offen, was die Gesellschaft denkt, um das eigentlich dann ironisch zu brechen, weil sie erhebt sich ja über alle anderen moralisch.
00:03:09: Da kommen wir wahrscheinlich auch noch gleich zu, also es ist ein sehr subversiver Akt eigentlich, diese Oper "La traviata" zu nennen.
00:03:19: [Maria Gnann] Also er spricht eher die Gesellschaft an oder beziehungsweise die Sicht der Gesellschaft auf eine Person.
00:03:25: Man könnte in dem Fall auch sagen, sie gibt ihren eigenen Weg vielleicht auch auf, zugunsten anderer,
00:03:30: also so könnte man den Titel vielleicht
00:03:32: interpretieren.
00:03:34: Weil eben in dieser Oper die edelprostituierte Violetta Valérie zum ersten Mal die wahre Liebe erlebt, diese ihr aber nicht zugestanden wird.
00:03:43: Der Vater ihres geliebten Alfredo sorgt sich um den Familienruf und so trägt sie ihr Schicksal alleine und stirbt schließlich, auch wenn das am Totenbett zu sowas wie eine Aussöhnung kommt.
00:03:55: Eine Prostituierte in drei Akten zu einer Opernheldin zu machen, war 1853 – wie du schon gesagt hast – vor allem in Italien ganz schön unerhört.
00:04:03: 1853 fand die Uraufführung in Venedig statt, und Susanna, da du ja als Ausstattungsleiterin dabei bist,
00:04:12: kannst du uns vielleicht ein bisschen beschreiben, wie wir uns das Bühnenbild vorstellen können?
00:04:17: [Susanna Boehm] Ja, das ist eine wunderschöne Aufgabe, weil auch ich kann es mir nur vorstellen.
00:04:23: Ich war damals auch nicht vor Ort.
00:04:25: Auf jeden Fall haben sie es sicher spektakulär gemacht, denn Theater wollte schon immer genau das: den Zuschauer mit reinziehen, verführen und da gab's damals auch schon tolle Methoden dafür.
00:04:40: Noch gar nicht so lange hat man auch mit Gaslicht gearbeitet – nicht mehr mit Kerzen – und natürlich gibt die Oper allein mit zwei großen Partys wunderbar Raum für schöne Säle, Beleuchtung und Ballkleider.
00:04:58: Jetzt ist es aber so zugegangen, dass Verdi das zeitgenössisch inszeniert wissen wollte.
00:05:04: Das wurde ihm nicht zugestanden!
00:05:07: Das heißt, er wollte, dass man als Zuschauer denkt: 'Okay, ja,
00:05:12: eigentlich habe ich auch so eine Kurtisane – fühle ich mich da jetzt gut damit?'
00:05:17: Genau das wollte man tunlichst verhindern und hat es deshalb am Anfang des 18. Jahrhunderts angesiedelt.
00:05:24: Das heißt: mit schönen Louis Courtois Puderperücken!
00:05:29: Und der Grund war wirklich der, dass man als Zuschauer beruhigt sich reinsetzen, genießen und sagen konnte: 'Hat nichts mit mir zu tun.
00:05:37: Wunderbar!'
00:05:38: [Maria Gnann] Wie du sagst, wollte Verdi ja offenbar diese Oper eigentlich zeitgenössisch inszenieren –
00:05:44: da könnte man ja eben heute sagen: 'Lass uns doch das im Stile von Verdi münzen auf die heutige Inszenierung und diese zeitgenössisch anlegen.'
00:05:52: Aber in Bregenz, wie wir bereits erfahren konnten, verlagert ihr unter der Regie von Damiano Michieletto das Geschehen in die Goldenen Zwanziger.
00:06:01: Wie kam es zu dieser Entscheidung?
00:06:04: Susanna Boehm] Also, wie es genau zu der Entscheidung kam, das wäre jetzt wirklich eine Frage an den Regisseur.
00:06:10: Ich bin mir aber ziemlich sicher, weil gutes Theater gerne gesellschaftspolitisch ist, wenn nicht gar politisch und immer zeitgeistig und je nach Oper eben mal offensichtlicher und mal unterschwelliger,
00:06:25: und ich sage nur: Wir sind auch jetzt in den Roaring Twenties. Da kann man mal drüber nachdenken, wie das so weitergeht, weil wenn wir da drauf schauen, dann sagen wir: 'Ach, die schönen Kostüme und das war ja eine tolle Zeit,
00:06:40: und wie sie alle getanzt und gefeiert haben.'
00:06:43: Gut, kann man nachlesen, was noch so passierte und auch in den Dreißigern passierte.
00:06:49: Ich finde es toll, ich finde, es ist ein ganz toller Kunstgriff, zu sagen: 'So war es 1920.' Wir haben hier ein Bühnenbild, das uns daran erinnert.
00:07:01: Wir können uns auch auf die Jetztzeit besinnen, wie fühlen wir uns heute damit?
00:07:06: [Maria Gnann] Ja, Anke?
00:07:07: Anke Rauthmann] Ich wollte dazu noch sagen, dass eben die Goldenden Zwanziger auch eine Zeit des Umbruchs waren, der Neuerungen, wo Menschen durch Spekulationen reich wurden und dann wieder komplett alles verlieren konnten.
00:07:20: Also, es war eine fiebrige Zeit, eine Zeit das Exzesses, wo Partys und Orgien gefeiert worden sind, wo eine gewisse Dekadenz herrschte und auch die Prostitution blühte!
00:07:32: Daher passt das wunderbar. Es ist nicht irgendwie nur weil die Ästhetik schön ist, sondern ich glaube auch, dass es einfach zutiefst passend und stimmig ist für die Geschichte von Violetta.
00:07:44: Und wie Susanna sagt, es weist uns auf unsere heutige Gegenwart.
00:07:48: Wir sind in einer Situation, die auch ein bisschen ein Tanz am Abgrund ist –
00:07:53: politisch gesehen.
00:07:54: Maria Gnann] Ja, und manchmal wird man vielleicht sogar eher zum selbstständigen Nachdenken angeregt oder kann sich vielleicht auch freier etwas zu einer Inszenierung überlegen, wenn sie nicht direkt das eigene Weltgeschehen abbildet.
00:08:07: Das so als Gedanke. Die Bühne gestaltet in Bregenz Paolo Fantin und die Kostüme Carla Teti.
00:08:14: Mit welchen Kniffen macht man die zwanziger Jahre jetzt im zwanzigsten Jahrhundert lebendig?
00:08:20: [Susanna Boehm] Ja, Paolo Fantin hat sich da fast ein bisschen frei gemacht davon.
00:08:26: Weil er hat ja einen riesigen, überdimensionierten Spiegel geschaffen und den hat er ganz bewusst nicht mit Art-déco-Elementen verziert.
00:08:40: Die Abbildung der zwanziger Jahre ist wirklich vorwiegend in den Kostümen und dann natürlich in der Inszenierung wiedergespiegelt.
00:08:49: Und naja, was soll ich sagen?
00:08:51: Als Kostümbildnerin: Zwanziger Jahre –
00:08:54: her damit, hurra: Federboas, riesiger Kopfschmuck, fließende Gewänder.
00:09:00: Da freut sich jeder, der das umsetzen darf!
00:09:03: [Maria Gnann]
00:09:13: Und, was ich auch ganz schön fand in dem Ursprungs-Libretto von Francesco Maria Piave, gibt es ja auch immer wieder einen Spiegel, schon in der ersten Szene steht links ein Kamin mit einem Spiegel darüber.
00:09:25: Also, das ist eine ganz schöne Reminiszenz und das gilt natürlich auch im übertragenen Sinne, wie wir eben gesagt haben: Verdi wollte der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, vielleicht auch die Einsamkeit fühlen lassen oder das menschliche Herz einer Prostituierten offenbaren, die von der höheren Gesellschaft benutzt, aber nicht als Mensch akzeptiert wurde.
00:09:46: Ist das auch das,
00:09:47: wofür der Regisseur Damiano Michieletto in Bregenz den Blick öffnen möchte?
00:09:52: Also, auf den Menschen zeigen oder was meinst du, Anke?
00:09:58: Anke Rauthmann] Definitiv!
00:10:00: Für ihn steht die Figur Violettas im Mittelpunkt, die komplett dem männlichen Blick ausgesetzt ist und vor allen Dingen auch dem männlichem Urteil.
00:10:08: Und die daran eben auch zu Grunde
00:10:09: geht,
00:10:10: schlussendlich.
00:10:12: Er sagte in einem Interview, dass zu der Zeit, aber auch immer noch heute, dieser männliche Blick
00:10:19: die Frau einfach kategorisiert: in Heilige oder Hure.
00:10:23: Es gibt keine Möglichkeit dazwischen, und dieser männlichen Projektion kann sich Violetta auch nicht entziehen.
00:10:31: Das wird dann auch ihr Schicksal am Ende.
00:10:34: Und wir haben auch heute immer noch – um die Brücke zu schlagen –
00:10:38: ein Riesenthema mit diesem männlichen Blick und mit patriarchalischen Gedanken.
00:10:43: Wir denken an Femizide, oder ja auch so ein gewisses Bild über die Frau, wo ich denke: 'Mein Gott, das ist einfach zerstörerisch.'
00:10:53: Das zerstörerische Element, was da drin ist, das zeigt er auch im Bühnenbild.
00:10:58: Ich will jetzt nicht vorweggreifen, aber es wird auch in der Bühne deutlich werden.
00:11:03: Maria Gnann] Ich möchte später auch noch mit euch über das Frauenbild von Verdi, oder was er uns vielleicht über sein Frauenbild verrät, sprechen.
00:11:09: Aber davor wollte ich noch fragen, Susanna, du leitest seit 2017 die Ausstattung bei den Bregenzer Festspielen?
00:11:16: Gibt es etwas, was du den Regisseuren und Bühnenbildnern hier im Voraus mitteilen möchtest –
00:11:20: zu den Besonderheiten der Seebühne,
00:11:22: also auf was sie besonders achten müssen?
00:11:25: [Susanna Boehm] Ich knüpfe nochmal kurz an die Frage davor an, oder das, was Anke dazu so schön gesagt hat:
00:11:32: Wie kann man das auf der Bühne darstellen?
00:11:36: Weil da hast du eine riesige Bühne, einen riesigen See und dann diese eine Person in ihrer Verzweiflung. Die Lösung dazu ist natürlich alle zwei Jahre eine völlig andere,
00:11:47: aber es gibt schon so ein paar Sachen, wo man sagt: 'Ja, das funktioniert besonders gut.' Paolo Fantin arbeitet mit der Idee einer harten Oberfläche eines Spiegels –
00:11:58: wobei, auch das darf ich ruhig schon verraten, es wird kein Spiegel, weil das kann sich jeder vorstellen, was dann los wäre mit Licht und nur noch Publikum sehen.
00:12:07: Es wird die Illusion eines Spiegels, was auch sehr interessant ist,
00:12:11: nochmals als Metapher. So, jetzt haben wir aber auf jeden Fall eine harte, kalte, auch leicht zerbrochene Oberfläche und darin sehen wir dann diese einsame Frau, deren Geschichte wir miterlebt, mit erleiden durften bzw. mussten.
00:12:30: Da kommen einem schnell mal die Tränen, genau wegen dieses starken Kontrastes:
00:12:35: Sie ist völlig allein in dieser riesigen, kalten Umfeldoberfläche und dahinter ist noch eine riesige Natur.
00:12:44: Und das wirkt hervorragend!
00:12:46: Das unterschätzt man manchmal, weil man denkt: 'Ja, da braucht man ganz viele Menschen, um irgendwas zu erzählen.'
00:12:53: Manchmal ist genau diese eine Person, ganz alleine – das ist es, was einen am meisten anrührt.
00:13:00: Maria Gnann] Und mit dieser Kälte konfrontiert zu werden, kann ja auch eine große Wirkung ausüben.
00:13:05: Es gibt aber auch sehr innige Szenen in dieser Oper.
00:13:08: Gibt es auch Elemente auf der Bühne oder mit Licht, die Wärme oder die Liebe, die wir erfahren dürfen, sichtbar machen?
00:13:20: Anke Rauthmann] Das ist ein wichtiges Thema, weil ich finde, dass "La traviata" in großen Teilen eigentlich ein intimes Kammerstück ist. Man kann es auf einen Konflikt zwischen drei Personen zusammenfassen, nämlich Violetta, Alfredo und Germont.
00:13:35: Natürlich gibt es opulente Chor-Szenen, zwei große Partys, aber am Ende ist das doch eigentlich ein psychologisches Trauerspiel, könnte man sagen.
00:13:45: Und diese intimen Szenen sind natürlich sehr wichtig und das ist die große Herausforderung, das auch auf dieser riesigen Seebühne sichtbar zu machen.
00:13:52: Und da hat Damiano Michieletto, ich glaube, relativ früh auch die Idee gehabt, Videosequenzen einzubinden.
00:14:01: Und zwar nicht einfach als Bebilderung, sondern als das Innenleben von Violetta.
00:14:07: Also, es sind sozusagen die Gedanken, die Reminiszenzen, die Vergangenheit, das innere Fühlen Violettas, in dem wir sie dann teilweise auch im Close-up erleben – ihr Gesicht sehen, in Situationen erleben, die in der Oper vielleicht nicht so drastisch erzählt werden:
00:14:24: ihren Alltag als Prostituierte, ihre Einsamkeit, Verlorenheit und Unsicherheit dahinter. Das wird auf dieser riesigen Spiegelwand immer wieder zu sehen sein.
00:14:34: Und etwas, was auch wichtig ist: die Spiegelwand, ja, sie ist kalt, aber sie ist nicht tot!
00:14:38: Sie wird auch immer wieder mit Licht und Projektionen lebendig gehalten und steht damit im Prinzip für die
00:14:44: Seele Violettas.
00:14:46: [Maria Gnann] Das heißt, da kommt man dann auch ganz nahe – näher als man es sonst noch auf der Seebühne gewohnt ist.
00:14:52: Dieses sehr feine Zeichnen von Charakteren –
00:14:55: ist es das, was Michieletto und sein Team besonders gut können?
00:14:59: Susanna Boehm] Ja, also was er jetzt hier genau damit macht, lassen wir uns alle mal überraschen.
00:15:04: Aber genau dieses Gefühl habe
00:15:05: ich.
00:15:05: Also, das ist seine Stärke: das rauszuschälen – aus diesen großen, auch Massen- und Partyszenen, und dann reinzugehen, tief in die Seele von Violetta.
00:15:16: Wie Anke schon sagt, die Videosequenzen, die eingesetzt werden – das ist nochmal ein ganz neues Tool, was er sich da ausgedacht hat!
00:15:24: Und das ist genau der Trick und die Herausforderung, dass jeder Regisseur / Bühnenbildner will ja was zeigen, was so noch nicht da war in Bregenz.
00:15:35: [Maria Gnann] Ja und eben auch durch diese Filmszenen können wir Violetta Valérie ganz nahe kommen, was ja vielleicht auch der Empathie entspricht, die Verdi schon in die Musik gelegt hat.
00:15:44: Vielleicht war er auch von eigener Erfahrung geprägt.
00:15:46: Seine erste Frau ist sehr jung gestorben und die zweite war die Sängerin Giuseppina Strepponi, die selbst mehrere uneheliche Kinder hatte und insofern gerade in Italien in manchen Kreisen geschnitten wurde.
00:16:01: Jetzt kommen wir darauf zu sprechen, wie Verdi seine 'traviata' charakterisiert – mit musikalischen Mitteln.
00:16:08: Was meinst du,
00:16:09: Anke?
00:16:11: [Anke Rauthmann] Ja, also das Stichwort Empathie – hattest du ja auch schon geliefert –
00:16:15: ist etwas, was er musikalisch vermittelt, indem er der Hauptfigur eine sehr differenzierte musikalische Sprache gibt.
00:16:22: Also, die sich auch im Laufe der Oper enorm entwickelt.
00:16:25: Am Anfang haben wir noch eine große Virtuosität, viele Koloraturen.
00:16:30: Die Violetta singt, sie ist der strahlende Star und sie steht im Mittelpunkt.
00:16:36: Sie hat auch hohe Höhen, also das hohe C – also, wirklich große Höhen, die sie da singt, voller Kraft und trotzdem merkt man schon diese Krankheit, die schon da ist.
00:16:45: Das heißt, es gibt ja schon kleine Brüche, Zerrissenheiten in dieser Cabaletta "Sempre libera", wo sich diese Freiheit nochmal beschwört.
00:16:53: Es ist auch toll, wie sie am Anfang quasi ausruft: 'Ach, was für einen Unsinn ist das, Follie, Follie!'
00:16:59: Das ist ein Ruf.
00:17:00: Ist auch toll
00:17:01: komponiert. Dann wird es im zweiten Akt deutlich wärmer, auch simpler.
00:17:08: Also, da geht sie ja mit Alfredo ein anderes Leben ein und lebt auf dem Land, lebt die Liebe mit all ihrer Wärme – und auch Ruhe!
00:17:18: Sie wirkt auch musikalisch.
00:17:20: Es ist alles mehr cantabile, etwas erdiger, lyrischer.
00:17:24: Und man lebt sozusagen die Entwicklungen von Violetta mit, auch in der Musik.
00:17:31: Und am Ende natürlich die große Sterbeszene, da möchte ich auch noch mal auf deinen Hinweis eingehen.
00:17:39: Dass Verdi miterleben musste, wie seine Frau jung starb – und man spürt das in dieser Szene, wo sie stirbt. Es ist so fantastisch komponiert, sie wird schwach und schwächer.
00:17:50: Und dann auf einmal lebt sie wieder auf!
00:17:52: Es ist so ein Moment: 'Oh, ja, es geht mir besser!'
00:17:54: Das ist sehr typisch für Menschen, die kurz vor dem Tod stehen, dass sie nochmal einen Moment der Klarheit haben.
00:17:59: Genauso hat das Verdi komponiert.
00:18:01: Sie steht sogar nochmal auf, ihre Stimme erhebt sich nochmal, um dann komplett abzubrechen.
00:18:06: Also, er ist sehr nah an der Figur, an der Wahrheit. Das ist fantastisch komponiert von Verdi.
00:18:15: Maria Gnann] Ja, und auch eben extrem komplex, wie du das beschreibst.
00:18:18: Ich dachte auch,
00:18:20: er behandelt die 'traviata' sehr kostbar.
00:18:23: Also die Musik, die er gibt, hat etwas sehr edles, aber auch eben fragiles –
00:18:28: fast wie eine Getriebene klingt sie in der Arie, die du auch angesprochen hast: im ersten Akt "Sempre libera", als sie versucht, die Avancen von Alfredo auszublenden oder zu überblenden.
00:18:39: Das hört man, finde ich, sehr schön.
00:18:40: Hier ein paar Sekunden daraus. [Musik]
00:19:37: Ja, die Koloraturen hier als Ausdruck von Spannungen vielleicht auch,
00:19:41: oder diese Triller und die Höhe dann eher als Kennzeichen eines Rauschs, der vielleicht auch eine gewisse Angst übertönt.
00:19:47: Ihr habt euch gerade so schön angelächelt – warum?
00:19:50: [Anke Rauthmann] Das ist natürlich eine der bekanntesten Arien überhaupt.
00:19:53: Das ist auch eine Showstück für jede Sopranistin.
00:20:00: Gleichzeitig ist mir aufgegangen, dass es die Ambivalenz dieser Figur zeigt, wie du bereits sagtest.
00:20:06: Einerseits beschwört sie die Freiheit, ihr freies Leben, andererseits spürt man die Angst dahinter – Angst vor der Liebe möglicherweise mit allen ihren Konsequenzen.
00:20:16: [Maria Gnann] Lass uns direkt vielleicht als Kontrast die Arie im dritten Akt dazu anhören: "Addio, del passato". Hier kommt sie, ein kleiner Ausschnitt daraus. [Musik]
00:21:18: [Susanne Boehm] Das sind genau die Momente!
00:21:20: Da kommt dann alles zusammen, also für mich sind es wirklich diese ganz feinen, leisen Stellen, wenn die in dieser großen Natur auch stattfinden,
00:21:32: ja, da schmilzt man weg und verdrückt sich ein Tränchen, oder auch nicht. Und davor habe ich ein bisschen zu Anke gelächelt, weil "Sempre libera" und "Brindisi" – das werden wieder die Nummern sein,
00:21:47: wo man dann beim Proben über den Steg geht und schon nicht mehr weiß, wie man aus diesem Ohrwurm jemals wieder rauskommen soll. [Lachen]
00:21:58: Das hört man einfach so oft, dass man so denkt: Ah [Seufzer], aber eben, wenn man bei der Premiere ist, die Arbeit ist getan, alles passt,
00:22:06: dann ist es einfach wunderschön.
00:22:08: [Maria Gnann] Genau, da kann man's dann wieder sehr gut hören und ich find es auch wirklich unglaublich, wie unterschiedlich diese eine Figur in diesen beiden kurzen Ausschnitten klingt – also auch bei diesem jetzt gerade Gehörten. Man hat auch grade 'La traviata' gehört,
00:22:22: also sie hat die Worte 'La traviata' gesungen: "Ah, della traviata sorridi al desio; a lei, deh, perdona."
00:22:29: Also, sie bittet um Erbarmen im Himmel für sich.
00:22:36: [Anke Rauthmann] Das ist der einzige Moment, wo 'La traviata' als Wort erwähnt wird, in der gesamten Oper.
00:22:40: [Maria Gnann] Ja,
00:22:40: genau. Diese beiden Arien gegenübergestellt zu hören –
00:22:45: also man sieht natürlich: Ja, sie hat auch was Lebenslustiges oder hat dieses Vergnügungssüchtige irgendwo perfektioniert.
00:22:53: Aber wie Verdi sie zeigt, ist ja vor allem ihr Edelmut, ihr Feinsinn, ihre Opferbereitschaft. Da finde ich auch die Namensgebung sehr interessant – habe ich mir natürlich nicht selbst ausgedacht, sondern gelesen.
00:23:04: Aber dass eben bei Alexandre Dumas noch diese Prostituierte als Marguerite bezeichnet wurde, was irgendwie für Natürlichkeit und Liebe steht, ja, aber auch irgendwie für eine Unentschlossenheit oder einen Wankelmut.
00:23:18: Und man denkt ja an diese Blume, die man so abzupft: Er liebt mich, er liebt mich nicht. Also zumindest irgendwie ein sehr starkes Ausgeliefertsein. Verdi wollte aber offensichtlich noch was anderes unterstreichen, indem er sie dann Violetta nennt –
00:23:32: also das Veilchen, Demut, Bescheidenheit, Unschuld, treue Jungfräulichkeit. Das finde ich schon sehr interessant.
00:23:41: Aber es zeigt eben ja nochmal eigentlich eine zusätzliche Verklärung dieser Figur.
00:23:47: [Anke Rauthmann] Und Violett ist natürlich auch die Farbe der Passion, des Leidens. [Maria Gnann] Ja,
00:23:51: auch da wieder das Opfer. Wie geht es euch mit diesem Frauenbild der verklärten Heiligen, dass man ja, finde ich schon, bei Verdi auf jeden Fall zu spüren bekommt?
00:24:01: Anke Rauthmann] Das ist jetzt eine Frage... Da hast du uns jetzt erwischt. [Lachen]
00:24:07: Ich persönlich finde, also im Endeffekt, Violetta ist ja im Prinzip als Figur, auch als Rolle, der Prototyp einer Opernheldin –
00:24:17: Heldin, sag' ich mal, Opernfigur:
00:24:20: Die am Ende stirbt und die leidet und aufgibt.
00:24:23: Das kann man natürlich auch kritisch beäugen und sagen: 'Mein Gott, wir brauchen jetzt andere Figuren.'
00:24:29: Ich habe aber auch schon Inszenierungen gesehen, wo diese Figur komplett gegen den Strich gebürstet worden ist,
00:24:35: und sie in die aktive Rolle gegangen ist.
00:24:37: Aber ich finde, man muss die Opern, so wie sie komponiert worden sind – mit welcher Absicht, mit welchem Hintergrund, mit welcher Musik –, sollte man erstmal ernst nehmen und dann
00:24:47: interpretieren. Und ich finde, dass diese Figur ein Schicksal hat.
00:24:52: Das sind dann auch gesellschaftliche Zwänge, die da passieren, von denen man sich nicht lösen kann.
00:24:58: Ich meine, das ist auch etwas, was heute passieren kann.
00:25:00: Schaut euch so jemanden an wie – ich weiß nicht, ich denke manchmal auch an die Schicksale von Popstars wie Amy Winehouse – Leute, die sozusagen ein exzessives Leben geführt haben, aber eigentlich nichts mehr wollten, als zu lieben.
00:25:13: Jetzt ist bei Violetta noch diese Opfergeschichte: dass sie etwas aufgibt und mehr Größe zeigt als alle anderen.
00:25:19: Das ist nach wie vor etwas, was beachtenswert ist, vielleicht auch ehrfürchtig machen kann.
00:25:27: Das wird passieren, auch in dieser Inszenierung und das hat Verdi ja auch so komponiert.
00:25:33: Maria Gnann] Ich glaube, dass man diese Überhöhung von bestimmten Figuren natürlich auch sucht,
00:25:37: wenn man in die Oper geht oder wenn man ins Theater geht. Man sucht diese extreme Darstellung und wenn man das Libretto liest, dann verdreht man vielleicht manchmal die Augen.
00:25:46: Also, so ging es mir auf jeden Fall:
00:25:47: Dass man da denkt: 'Oh [Seufzer].' Aber sobald es eben im Zusammenspiel mit der Musik passiert, die Verdi da einfach so unfassbar empathisch geschaffen hat, sodass man doch irgendwie immer wieder den Eindruck bekommt, man rückt einer Wahrheit ans Leben näher,
00:26:02: dann kann man da unglaublich viel mitnehmen und man möchte ja auch zu etwas streben.
00:26:09: Da werden eben bestimmte Figuren gezeigt, denen man in bestimmten Tugenden vielleicht auch etwas abschauen könnte.
00:26:17: Susanna Boehm] Da möchte ich noch hinzufügen: Für mich auch ganz wichtig in der Oper ist, ist das kathartische Moment.
00:26:24: Und allein dafür ist es auch wieder so was.
00:26:29: Du kannst da reininterpretieren und fühlen, was du willst,
00:26:31: aber du erlebst einfach etwas!
00:26:34: Du erlebst einen Ablauf einer gewissen Situation, Umgebung, Gesellschaft – was auch immer. Und es geht immer in eine Katharsis rein.
00:26:45: Diese Musik, die bereinigt, durch einen durchgeht, die durch Violetta durchgeht – eben wie ihr beide schon so schön analysiert habt:
00:26:53: Da ist ja so viel musikalisch angelegt.
00:26:57: Es dient immer dem Ziel, auch den Zuschauer irgendwie zu befreien.
00:27:03: [Maria Gnann] Ihr habt drei Sängerin, die diese Rolle verkörpern werden in Bregenz: Stacey Alleaume, Julia Muzychenko und Marjukka Tepponen.
00:27:13: Was war euch da beim Cast besonders wichtig?
00:27:17: [Anke Rauthmann] Ja, wichtig ist natürlich erst mal zu wissen, dass die Violetta eine absolute Traumrolle für jede Sopranistin ist.
00:27:23: Das ist eine Paraderolle und damit können Karrieren starten oder richtig in die Höhe katapultiert werden.
00:27:32: Es war wichtig, eher jugendliche Sängerinnen zu casten, die aber durchaus die Rolle schonmal gesungen haben, also ein bisschen Erfahrung haben – das ist kein Debüt. Und die natürlich diesen Spagat hinkriegen zwischen jugendlich- dramatischen Koloraturen, dieser Durchschlagskraft im ersten Akt und der Fragilität
00:27:52: und Zartheit und lyrischen Gesangslinien, die es dann im zweiten und dritten Akt braucht – und das nicht nur musikalisch, sondern auch szenisch glaubhaft verkörpern können, das ist sehr wichtig!
00:28:04: Und dann ist es natürlich auch wichtig zu wissen, dass Bregenz nichts für Diven ist.
00:28:08: Dieser Ort fordert alle – insbesondere die Sänger:innen – physisch komplett.
00:28:18: Man muss bei Hitze, Kälte und Regen, umgeben mit Mückenschwärmen, singen.
00:28:24: [Susanna Boehm] Spinnen,
00:28:25: ganz wichtig!
00:28:26: Anke Rauthmann] Die Bühne ist riesig – man macht wahnsinnige Schritte, wenn man von A nach B möchte. Und es braucht eben eine gewisse Energie und Wagemut.
00:28:35: Und auch ein Team-Spirit, einen besonderen Team-Spirit.
00:28:38: Die Australien Stacey Alleaume ist bestens präpariert, weil sie bereits die Gilda in Rigoletto gesungen hat, hier auf dem See. Und das schätzen wir natürlich auch:
00:28:48: Leute, die wissen, worauf sie sich einlassen.
00:28:50: [Maria Gnann] Klar,
00:28:50: die schon mal in Bregenz waren und mit den Spinnen in Berührung gekommen sind.
00:28:56: Anke Rauthmann und Susanna Boehm] Genau!
00:28:57: [Susanna Boehm] Ja, so albern das klingt: Wenn jemand eine massive Spinnenphobie hat
00:29:03: das geht am See einfach nicht, weil Spinnen sind schlau.
00:29:10: Die sehen: Wow, massive Beleuchtung hier, nix wie hin, weil hier gibt es Insekten ohne Ende.
00:29:17: Wir haben die ganze Zeit so viel Licht an und können sie gar nicht schnell genug wegkehren,
00:29:22: da sind die schon wieder da. Und wir hatten auch schon Sängerinnen, die damit ein Problem hatten,
00:29:27: deshalb wird es auch im Vorfeld schon mal zumindest erwähnt.
00:29:32: Ganz ehrlich, ich frage mich selber immer noch: Wie schaffst du es zu singen,
00:29:37: und währenddessen fliegen dir Mücken in den Mund?
00:29:40: Weil das passiert auch, aber die Sänger – eben zum Thema – sind extrem sportlich und flexibel hier.
00:29:47: Aber man kann auch sagen: Sie kommen gerne wieder zurück, weil es ist einfach eine tolle Atmosphäre. Und in einem normalen Opernhaus
00:29:57: gehst du zu deinem Auftritt, dann gehst du ab, in deine Garderobe – was weiß ich –, bummelst in die Kantine oder sonst wohin und dann wieder raus auf die Bühne.
00:30:07: Hier bist du auf der Hinterbühne verhaftet, weil man nicht dauernd raus- und reinlaufen kann. Es ist sogar streng verboten, über den Steg zu gehen. Und das ist das Tolle:
00:30:17: Es ist halt extremes, ja, wie so ein Familiengefühl.
00:30:22: Anke Rauthmann] Ja, once-in-a-lifetime-experience vielleicht auch für manche, also ist wirklich besonders. Und vielleicht überträgt sich das ja auch irgendwie aufs Publikum – dieses Besondere.
00:30:31: [Maria Gnann] Mit Sicherheit!
00:30:33: [Susanna Boehm] Dazu muss ich auch noch was sagen.
00:30:36: Also, was auch sehr besonders ist, sind Aufführungen bei leichtem Regen – natürlich nur leicht, wenn es zu schlimm wird, brechen wir ab.
00:30:45: Aber da denkt man ja immer: 'Das arme Publikum, die armen Sänger:innen', aber es ist genau anders – beide wollen es am Ende.
00:30:54: Das Publikum bleibt sitzen, denkt sich: 'Mensch, jetzt bin ich angereist, hab bezahlt, ich will das hier sehen. Die Sänger:innen denken: 'Was?
00:31:02: 7000 Leute bleiben mal eben sitzen, obwohl es regnet?' Und das werden manchmal wirklich die tollsten Vorstellungen, weil das kickt richtig rein.
00:31:12: [Maria Gnann] Klar, es ist ja was ganz Besonderes,
00:31:13: was man dann gemeinsam erlebt: diese Naturerfahrung auch noch zu spüren und nicht nur zu sehen. Kann ich mir gut vorstellen, habe ich leider noch nicht erlebt. [Susanna Boehm] Erlebt und erleidet.
00:31:22: [Maria Gnann] Genau, da wird das Leiden dann noch fühlbarer.
00:31:26: Wie ihr sagt, Violetta ist eben eine Rolle, die unglaublich toll für Koloratur-Sopranistinnen ist.
00:31:35: Aber ich finde sie schon auch wirklich ausgesetzt, auch in ihrer Stimme.
00:31:40: Ich finde sie, sie singt sehr oft wirklich 'nackt', was ich total genial von Verdi finde:
00:31:45: Also, mit wenig Begleitung, mit wenig Orchester – was man ja irgendwie interpretieren könnte als: 'Er spielt sowohl auf ihren Beruf an, aber eben auch auf ihre Einsamkeit und Schutzlosigkeit', die er da wirklich so offenbart.
00:32:01: Das finde ich sehr eindrücklich.
00:32:04: Und du hast ja, Susanna, auch vorhin gesagt: Gerade die leisen Szenen sind es, die dann oft Gänsehaut bereiten. Und ich finde, das kommt auch oft daher, dass eben ihre Stimme so ausgestellt ist und man wirklich so nah an diese Stimme herankommt.
00:32:19: Auf welche musikalischen Momente fiebert ihr hin –
00:32:21: habe ich mich gefragt?
00:32:22: Gibt es Stellen, die ihr euch endlos anhören könntet – vielleicht im Gegensatz zu den Ohrwürmern, die euch dann verfolgen?
00:32:30: [Anke Rauthmann] Ja, ich habe eine Stelle, die ich sehr ergreifend finde: Das ist im zweiten Akt, diese sehr lange Sequenz zwischen Violetta und Germain, dem Vater, der versucht, sie dazu zu bringen, dass sie Alfredo verlässt.
00:32:46: Und dann sagt sie 'ja' und gibt sich sozusagen hin und fängt an zu weinen.
00:32:53: Also man hört das auch musikalisch, wie sie quasi weint.
00:32:57: Und er nimmt sie in die Arme und entwickelt dann so väterliche Gefühle und sagt 'Weine, Weine' – 'Piangi, Piangi'!
00:33:04: Also für mich ist das ein so herzzerreißender Moment, den kann ich immer wieder
00:33:09: hören. [Musik]
00:33:54: [Maria Gnann] Also: 'Weine, weine, oh, armes Mädchen. Ich erkenne das Opfer, um das ich euch bitte.
00:33:59: Tief in der Seele fühle ich euch leiden, doch euer Herz wird Sieger bleiben', singt hier Germain, der Vater von Alfredo.
00:34:09: Anke Rauthmann] Man spürt ja auch das Wiegen, er wiegt sie in seinen Armen.
00:34:13: Aber es gruselt mich immer so ein bisschen dabei, weil Germain lässt sich zwar berühren von ihr, aber wird durch Violettas Leid nicht umgestimmt, sondern er hat eigentlich das erreicht, was er wollte und hinterlässt einen gebrochenen Menschen.
00:34:29: [Maria Gnann] Ja, ich muss auch bei dieser Stelle – wenn ich das so höre – und dann diese Empathie, die ich ihm durchaus abnehme in der Musik,
00:34:34: also dass er mit ihr Mitgefühl hat – wie du auch sagst –, Verdi zeichnet das nicht eindimensional, aber es löst doch ein bisschen Zorn aus, wenn man das so erlebt.
00:34:44: [Susanna Boehm] Ja,
00:34:45: so geht's mir auch. Also es ist eher: 'Heul doch' – ist jetzt mal ganz böse gesagt. Das ist eher so ein:
00:34:51: 'Okay, ich habe es geschafft.
00:34:53: Ja, heul doch und jetzt gebe ich ihr noch ein bisschen comfort'.
00:34:58: Aber das heißt jetzt nicht, dass ich deswegen die Stelle nicht auch total mag.
00:35:01: Und wenn du mir die Frage stellst, ich bin da noch ergebnis- oder vielleicht auch erlebnisoffen?
00:35:12: Ich muss es dann dort sehen,
00:35:13: also hier auf der Bühne. Das ist einfach immer der Gesamteindruck, wo ich dann sagen kann: 'Okay, diese Stelle könnte ich mir jetzt jeden Abend nochmal anschauen.'
00:35:23: [Maria Gnann] Klar, im Zusammenspiel dann mit dem, was auf der Bühne passiert.
00:35:26: Ich freue mich immer am allermeisten auf das Preludio, also das Vorspiel in dritten Akt, das ja ganz ähnlich klingt wie das Vorspiel im ersten Akt –
00:35:34: ich liebe sowieso Ouvertüren. Aber was ich dabei so spannend finde, ist, dass es wirklich höher ist, in der Lage.
00:35:41: Also, das wechselt die Tonart und nimmt im Grunde das vorweg,
00:35:47: was dann im dritten Akt passiert: Nämlich, dass Verdi Traviata wirklich erhoben hat. Also, dass sie da doch irgendwie von der Prostituierten zur Heiligen wird. Und das eben in der Musik auch schon so zu setzen, zeigt für mich dann, wie sehr er vielleicht auch diese Figur verehrt.
00:36:02: Und sie liebt. Das finde ich sehr schön!
00:36:05: Im Vergleich zu dem Vorspiel am Anfang klingt es ja auch noch mal deutlich fragiler. [Musik]
00:37:01: Also, das könnte ich mir wirklich endlos anhören.
00:37:04: Ich hab auch wirklich jedes Mal Skrupel, danach wieder loszureden.
00:37:07: Es ging mir auch schon vorher so bei dem Vorspiel. Das ist Schmerz und Schönheit in einem Guss.
00:37:15: [Susanna Boehm] Ja, 'super suspense' würde man beim Film sagen! [Lachen]
00:37:19: [Anke Rauthmann] Die Streicher ... Ich würde sagen: Es ist zeitlos.
00:37:22: Dieses Präludium wird alle Zeiten überleben.
00:37:25: Das ist einfach so tief und mit einer spannungsreichen Schmerzlichkeit und Schönheit, ganz großartig.
00:37:36: [Maria Gnann] Heute ist es vielleicht die meistgespielte und beliebteste Oper überhaupt, weltweit.
00:37:42: Anke, was ist das Geheimnis dieser Oper?
00:37:45: [Anke Rauthmann] Es ist eine sehr schöne Frage. Ich glaube, ganz den Finger drauflegen und sagen: 'Das ist das Geheimnis', das kann man nie!
00:37:54: Aber es gibt viele Dinge, die eine Rolle spielen.
00:37:58: Es ist vor allen Dingen: das Wahrhaftige, das Verdi quasi mit Mitteln von musikalischer Schönheit und Intensität ausdrückt.
00:38:08: Es ist wirklich wahr, das war ihm übrigens auch sehr wichtig, als er diese Oper komponiert hat.
00:38:13: Er wollte etwas Wahres, etwas Echtes schreiben – die auch in nur sechs Wochen komponiert, auf seinem Landgut, also der Klavierauszug war in sechs Wochen fertig komponiert.
00:38:23: Das heißt, er hat darin nicht nur diese wahre Geschichte von Marie Duplessis – wie du schon am Anfang erwähnt hast – hineingesteckt, sondern auch viel von seinem eigenen persönlichen Erleben: den frühen Tod seiner Frau, das Sterben,
00:38:38: die Ausgegrenztheit seiner späteren Frau. Das ist etwas, was man, ich denke, extrem spürt: eine sehr zu tief menschliche Oper,
00:38:50: die Figuren hat, die wir alle irgendwo nachvollziehen können.
00:38:54: Es gibt keinen Helden und Widersacher oder ein Scheusal dazwischen, sondern es sind alles in sich dann auch ambivalente, zum Teil gebrochene Figuren.
00:39:05: Auch Alfredo ist z. B.
00:39:07: zu hitzköpfig, indem er sie demütigt im zweiten Akt.
00:39:11: Das ist etwas, wo man denkt: 'Mein Gott, bist du unerfahren.
00:39:13: Wie kannst du nur so in deiner Eifersucht so gefangen sein?
00:39:17: Denk doch mal ein bisschen out-of-the-box oder so.'
00:39:19: Aber das ist auch:
00:39:20: Wir können uns alle darin wiederfinden, in allen Figuren, und vor allem natürlich in Violetta.
00:39:25: Und das ist großes Kino – in dem Fall nicht –,
00:39:28: es ist große Oper, großes Theater. Und vielleicht etwas, was ich über Verdi gelesen habe,
00:39:34: was ich dazu noch sagen will:
00:39:35: auch toll zu wissen: Er hat sich selbst gar nicht so sehr als großen Komponisten empfunden, sondern er hat gesagt: 'Er ist vor allen Dingen ein Theatermann'. Das ist, denke ich, eines der großen Geheimnisse dieser Oper.
00:39:48: Das ist großes Theater!
00:39:50: [Maria Gnann] Ja, die Oper wird ja auch zwei Sommer hintereinander in Bregenz gezeigt – wie es hier üblich ist,
00:39:55: ansonsten würde das Bühnenbild einfach zu aufwendig sein.
00:39:58: Vielleicht können wir ja im nächsten Jahr über Männerbilder sprechen – in Bezug auf die Oper, weil wie du sagst: Man schüttelt ja doch immer wieder den Kopf.
00:40:08: Ich würde sagen, da ist 'La Traviata' doch irgendwie eine Art Heldin
00:40:11: und bei den Männern, die auch vielleicht musikalisch flacher gezeichnet werden, kann man eine Hierarchie bei Verdi
00:40:19: vielleicht erkennen?
00:40:22: Susanna, warum müssen wir diese Oper in Bregenz erleben?
00:40:25: [Susanna Boehm] Dürfen,
00:40:27: nicht müssen! [Lachen] Das meine ich durchaus ernst, nachdem "La traviata" eine der meistgespielten, meistgeliebten Opern ist.
00:40:38: Ist ja eher die Frage: Warum habt ihr das in 80 Jahren noch nie auf die Bühne gebracht?
00:40:44: Auf die Seebühne, wo wir schon "Der fliegende Holländer", "Carmen", "Die Zauberflöte" mehrmals ...
00:40:49: [Maria Gnann] Warum habt ihr
00:40:51: nicht, Susanna?
00:40:52: [Susanna Boehm] Ja, genau,
00:40:53: warum haben wir nicht?
00:40:54: Das liegt nicht am Bühnenbild, sondern es liegt daran, dass man dieses kammermusikalische und auch schon die damit verbundene szenische Umsetzung – also viel im Innenraum zu sein, nur paar große Chor-Szenen, aber keinen so dauerpräsenten Chor auf der Bühne zu haben –
00:41:14: sich früher
00:41:15: nicht zugetraut hat.
00:41:17: Da hat man gesagt: 'Sorry, es wird ein Flop auf der Seebühne'. Und das ist gar nicht so lange her, weil richtig geknackt haben wir die Nuss mit "Madame Butterfly".
00:41:28: Weil genau über diese Oper hat man das Gleiche gesagt, und kann man sagen, – ist ja korrekt – und dann war sie wunderschön.
00:41:37: Und dann hat man sich "La traviata" getraut.
00:41:39: [Maria Gnann] Dann könnte man auch sagen: 'So hat man die "La traviata" auf jeden Fall noch nie gesehen,
00:41:43: es war einfach nicht möglich. "La traviata" zu 80 Jahren Bregenzer Festspielen – da war der Mut da. Zum ersten Mal auf der Seebühne zu erleben, vom 22. Juli bis zum 23. August 2026.
00:41:56: Regie: Damiano Michieletto, Musikalische Leitung: Kirill Karabits und Pietro Rizzo.
00:42:04: Weitere Informationen und Tickets gibt es unter www.bregenzerfestspiele.com.
00:42:08: Mein Name ist Maria Gnann, ich danke vielmals fürs Zuhören und für die Zeit auch euch, Anke und Susanna, und für das Berichten und Erzählen.
00:42:16: Vielen, vielen Dank!
00:42:17: [Susanna Boehm und Anke Rauthmann] Vielen
00:42:18: Dank an dich, Maria!
00:42:24: [Musik]
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